Rosch Haschana

Die Mauer im Kopf

Auf Basis von Versöhnung und Vertrauen ist Deutschland wieder eine Heimat für Juden. Was noch fehlt? Gefühl!

08.09.2010 – von Charlotte KnoblochCharlotte Knobloch


In den Tagen zwischen den Jahren sind wir Juden hin- und hergerissen. Bewusster innerer Einkehr steht ein Gefühl von Dringlichkeit und Hast gegenüber. Bildlich gesprochen, strömen die Seelen eilig in Richtung des sich schließenden Tores, um gerade noch durchzuschlüpfen.

Im Jahr 5771 werden wir uns in Deutschland an den Bau der Berliner Mauer vor 50 Jahren erinnern. Verzweifelt versuchten damals viele, bereits errichtete Barrikaden zu überwinden, um auf die sichere Seite, eben jene der Freiheit, zu gelangen. Stacheldrahtverhaue, Stahl und Beton rissen das Land, Familien, Liebende und Freunde auseinander – für beinahe drei Jahrzehnte. Jene 167,8 Kilometer zementierter deutscher Teilung blieben als offene Wunde des Dritten Reichs sichtbar und waren zugleich das Sinnbild für den Kalten Krieg.

Sowjetunion Der Fall der Mauer am 9. November 1989 zählt zu den glücklichsten Tagen der deutschen Geschichte. Für Juden markiert das Jahr noch aus einem weiteren Grund eine Zäsur: Die wiedervereinigte Bundesrepublik wurde zum Zufluchtsort für viele Tausende Juden aus den Nachfolgestaaten der Sowjetunion. Ungeachtet des quantitativen Aspekts (die jüdischen Gemeinden zählen heute viermal mehr Mitglieder als vor 20 Jahren): Das entscheidende Faktum ist ein psychologisches. Die Ankunft dieser Menschen hat in Deutschland ein Judentum auf Dauer etabliert und die Reste von Liquidationsmentalität verdrängt.

In den vergangenen 20 Jahren durften wir erleben, wie weiße Flecken der jüdischen Nachkriegs-Infrastruktur dank neuer Synagogen und Gemeindezentren wieder zum Leben erwachten. Heute ist Deutschland für Juden wieder eine Heimat. Und Juden sind ein fester Bestandteil der deutschen Gesellschaft. Aber: Kein Rückblick enthält nur Flötentöne, und 5770 hielt wahrlich Vuvuzela-Getöse bereit. Immer unverhohlener offenbart sich ein tief verwurzelter Antisemitismus an den Rändern, aber auch in der breiten Mitte unserer Gesellschaft. Unter dem Deckmantel scheinbar angezeigter Israelkritik sind die Stereotype der Judenfeindschaft nicht nur wieder salonfähig geworden, sie dominieren bisweilen sowohl die öffentliche Diskussion als auch die veröffentlichte Meinung.

Diese reflexartig funktionierende Praxis zeigte sich im Frühsommer in einer neuen Dimension. Im Fahrwasser der Gaza-Flottille vereinten sich rechtsextreme Nationalisten, linksextreme Autonome und islamistische Gruppierungen auf der Basis ihres kleinsten gemeinsamen Nenners: dem Hass auf den zionistischen Feind.

Hasstiraden Dieser ebenso paradoxe wie scheußliche Schulterschluss mobilisierte in kürzester Zeit Hundertschaften, die durch deutsche Städte marschierten und gegen Israel demonstrierten. Das betrifft uns deutsche Juden unmittelbar! Denn im selben Atemzug, mit dem die vermeintlich legitim Empörten ihre anti-israelische Propaganda skandieren, lassen sie widerlichste antijüdische Hasstiraden los – für jene ein scheinbar logischer kognitiver Transfer, für Juden hierzulande: ein Stich ins Herz. Dies umso mehr, wenn der ersehnte Aufschrei in Politik und Bürgerschaft ausbleibt.



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