WEIN

L’Chaim 5771

Rot und weiß, kräftig und mild, trocken und süß: Empfehlungen für die Festtagsstafel

06.09.2010 – von Michael WuligerMichael Wuliger


Sie müssen, wenn Sie Alkohol nicht mögen oder vertragen, zu Rosch Haschana natürlich keinen Wein trinken. Die Bracha »Bore pri Hagafen« – »der Du uns die Frucht des Weinstocks beschert hast« – kann man auch über Traubensaft sprechen. In den meisten jüdischen Haushalten wird zum Neujahressen aber Wein auf dem Tisch stehen. Das ist nicht nur Tradition. Es schmeckt auch. Erst ein guter Wein macht ein gutes Essen vollkommen.

faustregeln Vorausgesetzt natürlich, er passt zur Speise. Das Getränk soll das Essen begleiten und ergänzen, nicht dominieren. Umgekehrt gilt das Gleiche. Der Wein darf vom Geschmack der Speise nicht überlagert werden. Die Faustregel lautet deshalb: Je kräftiger die Speise, desto kräftiger der Wein. Zu rotem Fleisch vom Rind oder Lamm trinkt man einen gehaltvollen Roten, zu hellem Fleisch wie Geflügel oder Kalb passt ein milder Rotwein oder auch ein kräftigerer Weißer. Zum Fisch gehört unter allen Umständen Weißwein. Das ist kein Snobismus. Viele Rotweine enthalten Eisen, das Fischgerichte unangenehm fischig schmecken lässt. Trocken sollte der Wein in jedem Fall sein, nicht »halbtrocken«, wie sich zuckerige Tropfen heute verschämt nennen. Süßen Wein serviert man nur zum Nachtisch.

alkoholgehalt Wie kräftig ein Wein schmeckt, kann man auch als Laie an zwei Kriterien festmachen. Einmal am Alkoholgehalt, der auf dem Etikett unten links vermerkt ist. Zwölf Prozent oder niedriger heißt in der Regel, dass der Wein geschmacklich unaufdringlich ist. Bei 14 oder 15 Prozent haben wir es mit sogenannten Fruchtbomben zu tun, die auch einem mit Zwiebeln und Knoblauch gut gewürzten Braten standhalten, ein mildes Kalbs- oder Geflügelgericht aber totschlagen würden. Der andere Indikator ist bei Rotweinen die Farbe. Ein leichter Wein hat ein eher helles, klassisches Rot; dunkelrot mit Blau- oder Schwarztönen weist auf starke Geschmacksintensität hin.

koscher international Die Zeiten, als es für den koscheren Tisch nur die Auswahl zwischen süßem Carmel oder noch süßerem Manischewitz aus den USA gab, sind zum Glück lange vorbei. Heute gibt es rabbinisch zertifizierte Weine auch der höchsten Güteklasse. Sie kommen nicht nur aus Israel, dessen Weine inzwischen international konkurrieren können. Koscheren Wein produzieren auch Winzer in Frankreich, Italien, Spanien, Südafrika, Australien, den USA und sogar in Deutschland. Für Ihren Tisch zu den Feiertagen – aber auch zu »gewöhnlichen« Schabbatot – hier ein paar Vorschläge für jeden Geschmack und Geldbeutel.

rot Nicht ganz billig bei rund 30 €, aber seinen Preis wert ist der Chateau Rollan de By, Cru Bourgeois Médoc 2002. Auf 16 Hektar besten Kiesbodens stehen die 25 bis 50 Jahre alten Rebstöcke der Sorte Merlot, aus denen nach Reifung im Eichenfass ein aromareicher, seidiger Rotwein mit viel Frucht entsteht. 12,5 % Alkohol, zertifiziert vom Beth Din Paris, koscher le Pessach.

Preisgünstiger mit circa 7 bis 8 €, aber deshalb keine billige Plörre ist der Alfasi Malbec Syrah Réserve 2009. Aus Chile kommt dieser volle, dunkle Wein, dessen an Beeren und Gewürze anmutender Geschmack sich einer Cuvée von Syrah- und Malbecreben verdankt, die im heißen Klima Südamerikas ihr Tanninpotenzial voll ausreifen lassen können. 13,5 %Alkohol, OK-zertifiziert, koscher le Pessach.

Wer seine Verbundenheit mit Israel auch im Glas dokumentieren will und dazu einen Wein im mittleren Preissegment sucht, ist mit Segal’s Fusion 2009 zu rund 10 € gut bedient. Aus 60 Prozent Merlot, 20 Prozent Cabernet Franc und 20 Prozent Cabernet Sauvignon, angebaut in Galiläa, hat die im Kibbuz Hulda beheimatete Winzerei einen unkomplizierten, vollen rubinroten Wein kreiert, der besonders gut zu Geflügel und Gerichten auf Tomatenbasis wie Pasta passt. 13,2 % Alkohol, OK-zertifiziert, koscher le Pessach.

weiss Der Chateau Smith Haut Lafitte Blanc 2004 stammt von einer der ersten französischen Weinadressen, einem alten Schlossgut im Anbaugebiet Graves in Bordeaux, dessen Geschichte bis auf die Zeit der Kreuzzüge zurückgeht. Weil es sich um einen »Zweitwein« des Gutes handelt, kostet er nur um die 35 bis 40 €. Bei diesem vielfach ausgezeichneten Cru Classé dominiert Sauvignon Blanc, unterstützt von etwas Sauvignon Gris und Sémillon. Der Geschmack lässt Zitrusfrüchte, Ananas, Trüffel und Honig erahnen. 14 % Alkohol, OU-zertifiziert, koscher le Pessach.

Für rund ein Viertel des Preises, den man für den Chateau Smith berappen muss, bekommt man einen durchaus ordentlichen kalifornischen 2007er Chardonnay. Die Baron-Herzog-Winzerei in Oxnard nahe Santa Barbara gehört zu den größten Produzenten koscheren Weins in den USA. Ihr Chardonnay verspricht einen vollen Geschmack aus tropischen Früchten und Apfel mit einem Hauch Vanille. Er verträgt sich, leicht gekühlt getrunken, gut mit Fisch, Geflügel und Kalb. 13,5 % Alkohol, OU-zertifiziert, koscher le Pessach.

Zum krönenden Abschluss des Festessens, dem Dessert, passt eine ausgesprochene Rarität: eine Riesling Spätlese aus Israel. Seit 1970 betreibt die Familie Teperberg mittlerweile in der fünften Generation ihre Kellerei in Jerusalem. Die erst bei voller Reife gelesenen Reben stammen aus Weinbergen in Judäa. Die späte Lese, gefolgt von sechsmonatiger Lagerung in amerikanischen Eichenfässern, hat einen goldfarbenen Wein mit distinkten Aromen von Aprikose, Rosinen, Papaya und Honig hervorgebracht, der, bei aller angenehmen Süße, dank der Rieslingsäure dennoch Frische besitzt. Ideal zu jedem Nachtisch oder als Apéritif. 10,5 % Alkohol, OU-zertifiziert, koscher le Pessach.


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