Frankreich

Stumme Zeugen

Das ganze Land kritisiert die Roma-Razzien. Doch die jüdische Gemeinde schweigt

02.09.2010 – von Devorah LauterDevorah Lauter


Wut Einige Juden im Land sind aufgebracht über die halbherzige Reaktion des offiziellen Judentums. »In meinen Augen hat die jüdische Gemeinschaft die Pflicht, ihre Stimme zu erheben«, sagt Patrick Klugman, Mitglied des CRIF-Direktorenausschusses und Mitbegründer von JCall, einer europaweiten Gruppe, die sich dafür einsetzt, Israel unter Druck zu setzen, um mit den Palästinensern zu einer Zweistaatenlösung zu kommen. Traditionell seien führende jüdische Vertreter stets »Mahner für die Prinzipien der Gleichheit gewesen«, so Klugman. Zur Zeit aber »erlebe ich, wie die ganze französische Gesellschaft an Sarkozys Vorgehen Kritik übt, nur die jüdische Gemeinschaft nicht«.

Der französische Oberrabbiner Gilles Bernheim sagte vergangene Woche, die Angelegenheit sei komplex. »Sie erfordert Maßhalten in gleichem Maße wie Festigkeit.« Bernheim hege die Hoffnung, dass die Entscheidungen zur inneren Sicherheit »von Fall zu Fall getroffen werden und die Stigmatisierung einer bestimmten Gruppe ausgeschlossen ist«, doch er brachte auch seine Unterstützung für die »Tough Cop«-Politik Sarkozys zum Ausdruck. »Ich habe nicht vergessen, dass es tatsächlich einen Krieg gegen die Polizei, gegen die Ordnungskräfte gibt. Und wenn ich sehe, mit welcher Gewalt gegen die Vertreter der öffentlichen Ordnung vorgegangen wird, sage ich mir, dass wir mit Festigkeit darauf reagieren müssen«, so Bernheim.

Wie die jüdischen Funktionäre schweigen auch die meisten offiziellen Vertreter der muslimischen Gemeinschaft, die sich traditionellerweise nur ungern zu Aspekten der französische Politik äußern, die ihre Gemeinschaft nicht direkt betrifft.

übertrieben Alain Finkielkraut, einer der führenden jüdischen Intellektuellen des Landes, sagte, die Attacken gegen die Politik Sarkozys seien übertrieben. »Ich bin froh, dass die jüdische Gemeinde es vorerst abgelehnt hat, von dieser enthusiastischen Kritik angesteckt zu werden«, sagte er und fügte hinzu, der derzeitige Medienwirbel habe das eigentliche Ziel Sarkozys, nämlich die Kriminalität einzudämmen, »völlig aus den Augen« verloren. Es sei »schändlich«, Frankreich als faschistisch darzustellen und Sarkozys Politik mit der des Vichy-Regimes und seiner Kollaboration mit den Nazis zu vergleichen. Nach Finkielkrauts Meinung sind die Sicherheitsmaßnahmen nicht an sich rassistisch. »Die ganze Welt steht gegen Sarkozy auf«, so Finkielkraut, »dabei ist das eigentlich Bedrückende die immer weiter zunehmende Gewalt in Frankreich.«



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