Biografie

Der Ölkönig

Er entkam den Nazis und stieg gegen den Willen der USA zum mächtigsten Rohstoffhändler auf: Marc Rich führte ein Leben zwischen Macht, Moral und Weltpolitik

02.09.2010 – von Daniel AmmannDaniel Ammann


Marc Richs Geschichte kann als Verkörperung des amerikanischen Traums gelesen werden: Aus eigener Kraft schaffte er den Aufstieg vom mittellosen Flüchtlingsjungen zum Öltycoon; mit Talent und Fleiß, mit Intelligenz und Kreativität, mit Charme und Aggressivität. Geboren wurde er im Dezember 1934 in Antwerpen als Marcell David Reich. Die Eltern waren deutschsprachige Juden. Die Mutter Paula stammte aus Saarbrücken, der Vater David ursprünglich aus dem legendären Schtetl von Przemysl im heutigen Ostpolen. Nachdem Österreich-Ungarn im Ersten Weltkrieg untergegangen und es in Galizien einmal mehr zu wüsten Pogromen gekommen war, flüchtete er nach Frankfurt. David, ein Kleinhändler, der von Altmetall bis zu Schuhen alles verkaufte, und Paula lernten sich in Frankfurt kennen und flohen, als die Nationalsozialisten 1933 die Wahlen gewannen, nach Belgien.

Flüchtling Marc Richs erste bewusste Kindheitserinnerung ist die Bombardierung Antwerpens durch die deutsche Luftwaffe im Mai 1940. Beinahe ohne Geld und jegliche Englischkenntnisse flüchtete die Familie in letzter Minute und mit viel Glück auf einem Frachtschiff vor dem Holocaust nach Marokko und schließlich in die USA. Marc Rich sollte für immer die Mentalität eines Überlebenden und eines Flüchtlings behalten. Auch darin wurzelt seine Entschlossenheit, Erfolg zu haben. In New York stieg Rich, nach einem kurzen Abstecher an die Universität, als 19-Jähriger in den Handel ein. Bei Philipp Brothers, dem damals weltgrößten Rohstoff- händler, der von einer Gruppe von deutsch-jüdischen Immigranten um Ludwig Jesselson geführt wurde, lernte Rich das Fach von der Pike auf und machte sich schnell einen Namen.

Zur Branchenlegende wurde Rich, weil er die Industrie revolutionierte: Es ist nicht übertrieben, Marc Rich + Co als den Erfinder des Spothandels zu bezeichnen. Wer sein Auto an einer Tankstelle füllt, macht eine Art Geschäft an Ort und Stelle (»on the spot«): Er braucht Benzin, ist mit dem angebotenen Preis zufrieden und kann es ohne weitere Verpflichtungen sofort kaufen. Im internationalen Ölhandel war das bis Anfang der Siebzigerjahre die große Ausnahme. Die Zuger Firma zerschlug fast im Alleingang das Monopol der sieben führenden Ölkonzerne (unter anderem BP, Shell und Texaco). Dieses Kartell kontrollierte mit langfristigen Verträgen und festen Preisen den Markt – von der Förderquelle bis zur Zapfsäule. Dank Marc Rich wurde Rohöl ab Mitte der Siebzigerjahre freier, effizienter und zu transparenteren Preisen gehandelt als je zuvor. Und: Dank unabhängiger Händler wie Rich konnten die rohstoffreichen Länder die Dominanz der Konzerne brechen und in der Folge besser von ihren Bodenschätzen profitieren.

Anklage Auf dem Höhepunkt seiner Macht kam der Fall. Zum Verhängnis wurden Marc Rich im Grunde zwei Dinge: Er handelte nach der islamischen Revolution 1979 trotz US-Embargo mit iranischem Erdöl, während Amerikaner in ihrer Botschaft in Teheran als Geiseln gehalten wurden. Und er versuchte, mit komplizierten Geschäften von den Ölpreiskontrollen zu profitieren, die damals in den USA galten. Staatsanwalt Rudy Giuliani, der spätere New Yorker Bürgermeister, sah beides als illegal an. Er bezeichnete Rich als den »größten Steuerbetrüger in der Geschichte der USA« und klagte ihn 1983 des »Handels mit dem Feind« an. Rich, der bis heute seine Unschuld beteuert, setzte sich noch vor der Anklage in die Schweiz ab und kehrte nie wieder in die USA zurück. Ob die Geschäfte der Firma rechtmäßig waren, wurde darum nie von einem Gericht geklärt. Staatsanwalt Giuliani ließ den Fall Rich, auf dem er seine politische Karriere aufbaute, bewusst eskalieren. Der Ölhändler wurde auf die FBI-Liste der meistgesuchten Verbrecher gesetzt, US-Polizisten auf der ganzen Welt jagten ihn. Amerikanische Undercover-Agenten versuchten sogar einmal, Rich illegal aus der Schweiz zu entführen – und flogen peinlicherweise auf.

Einsatz Siebzehn Jahre lang versuchte das mächtigste Land der Welt vergeblich, Marc Richs habhaft zu werden. 2001 wurde er schließlich von Präsident Bill Clinton an dessen letztem Tag im Amt begnadigt. Der Grund: Israelische Politiker wie Präsident Schimon Peres und Verteidigungsminister Ehud Barak hatten sich persönlich für Rich eingesetzt. So dankten sie es ihm, dass er Israel in schwierigsten Zeiten mit Öl versorgt, heimlich Mossad-Operationen finanziert und sich als großzügiger Philanthrop gezeigt hatte. Bis heute hat es kein Konkurrent geschafft, einflussreicher zu werden. Die Marc Rich + Co heißt mittlerweile Glencore und ist eines der größten Unternehmen der Welt in Privatbesitz. Rich hat seine Firma vor einiger Zeit dem Management verkauft, das derzeit an einen Börsengang denkt. Seine ebenso umstrittenen wie erfolgreichen Geschäftspraktiken werden Glencore – und die gesamte Branche – noch lange prägen.

Der Autor ist Verfasser der soeben im Orell Füssli Verlag (Zürich 2010, 24,90 Euro) erschienenen Biografie »Marc Rich. Vom mächtigsten Rohstoffhändler der Welt zum Gejagten der USA«, die für den Deutschen Wirtschaftsbuchpreis 2010 nominiert wurde.



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