Biografie
Der Ölkönig
Er entkam den Nazis und stieg gegen den Willen der USA zum mächtigsten Rohstoffhändler auf: Marc Rich führte ein Leben zwischen Macht, Moral und Weltpolitik
02.09.2010 – von Daniel Ammann
Der Anfang der Firma, die zur größten, zur erfolgreichsten und auch zur berüchtigtsten Rohstoffhändlerin der Gegenwart aufsteigen würde, hätte kaum bescheidener sein können: Fünf junge Männer, keine 40 Jahre alt, bezogen im Frühling 1974 eine kleine Wohnung im schweizerischen Städtchen Zug. Die Einrichtung war spartanisch; das Geld fehlte an allen Ecken und Enden. Nicht einmal eines der damals wichtigsten Arbeitsinstrumente konnten sich die Händler leisten: einen Telex. Wollten sie ein Geschäft abschließen, mussten sie über die Straße zur Post, um Angebote zu verschi- cken oder Verträge zu empfangen. Zehn Jahre später beherrschte »Marc Rich + Co« die Branche. Die Firma handelte mit allen Metallen und Mineralien, die in der Erdkruste vorkommen; von A wie Aluminium bis Z wie Zink. Bald gab es im Geschäft nur noch »Marc Rich und die 40 Zwerge«, wie ein Konkurrent in einer Mischung aus Respekt und Resignation feststellte. Er wurde zu einem der »reichsten und mächtigsten Rohstoffhändler aller Zeiten«, so beschrieb ihn die Financial Times beinahe ehrfürchtig. Oder zum »King of Oil«, wie einer seiner treuesten Weggefährten sagte.
Medienscheu Diese erstaunliche Karriere machte Marc Rich weitgehend unbemerkt von der deutschen Öffentlichkeit. Er gilt als einer der diskretesten Händler überhaupt – und das in einer Branche, die für ihre Verschwiegenheit berüchtigt ist. Jahrelang gab es nicht mal eine Fotografie von ihm. Die Medien mussten sich mit Zeichnungen behelfen. Journalisten verweigerte er sich systematisch. »Ehrgeiz«, sagt Marc Rich, »mich treibt, wie die meisten anderen Menschen, Ehrgeiz an. Die Menschheit kam durch Ehrgeiz voran. Einige wollten höher klettern oder schneller rennen, andere wollten fliegen oder tauchen. Ich wollte Erfolg im Geschäft haben.« Für mein Buch King of Oil sprach der geheimnisumwitterte Milliardär, der heute abgeschirmt in der Schweiz lebt, zum ersten Mal über seine Geschäfte und sein mitunter tragisches Leben: die Scheidung von Denise Rich Eisenberg etwa, die damals als die teuerste der Welt galt, oder über den frühen Tod seiner Tochter, von der er sich nicht mehr verabschieden durfte.
Währung Rich avancierte auch zum wichtigsten Lieferanten des südafrikanischen Apartheid-Regimes. Das Erdöl aber, das er lieferte, stammte aus Ländern wie der Sowjetunion oder Saudi-Arabien, die offiziell Pretoria boykottierten, im Geheimen aber via Rich überaus lukrative Geschäfte mit den südafrikanischen Machthabern machten. Als wäre das alles nicht widersprüchlich genug, half Rich den Marxisten in Angola, die Ölindustrie zu entwickeln, dem sozialistischen Jamaika, die Aluminiumverarbeitung zu retten, den revolutionären Sandinisten in Nicaragua, an harte Währungen zu kommen und Fidel Castros Kuba, seine Rohstoffe zu verkaufen. Denn sobald vom Rohstoffhandel die Rede ist, zumal dem strategisch eminent wichtigen Erdöl, ist vieles nicht so, wie es der Öffentlichkeit dargeboten wird. Bei der Wahrnehmung nationaler Interessen zählen weder Moral noch politische Ideologien. Auf die Frage, ob man neutral bleiben könne, wenn man mit Diktatoren, Rassisten und korrupten Regimes Geschäfte macht, meinte Rich einmal knapp: »Ja, Business ist neutral. Sie können eine Handelsgesellschaft nicht aufgrund von Sympathien führen.«
Um Erfolg zu haben, handelte Marc Rich frei von moralischen Bedenken mit fast allen, die mit ihm handelten: Diktatoren und Demokraten, Kommunisten und Kapitalisten, Mullahs und Faschisten. Das machte ihn zum Milliardär – und zum Feindbild seiner Gegner. Die Linke sieht ihn als Ausbeuter, an dessen Fingern »das Blut, der Schweiß und die Tränen der Dritten Welt« kleben. So drastisch formulierte es einmal ein Schweizer Parlamentarier. Für amerikanische Politiker ist er ein Landesverräter, »der mit so ziemlich jedem Feind der USA« Handel trieb, schimpfte der einflussreiche Abgeordnete Dan Burton. Wer sich allerdings die Mühe macht, unvoreingenommen an die Sache heranzugehen, sieht eine der schillerndsten Karrieren des 20. Jahrhunderts, ein vielschichtiges, ambivalentes Leben voll scheinbarer Widersprüche.
Marc Rich machte Geschäfte mit den iranischen Islamisten, die Israel boykottierten. Ihr Öl aber verkaufte er dem jüdischen Staat und sicherte so dessen Überleben. Pikant: Offiziell sprach Teheran Israel sein Existenzrecht ab. Inoffiziell aber wussten die iranischen Funktionäre genau, dass Rich ihr Öl dem vermeintlichen Erzfeind lieferte. »Es war ihnen egal«, sagte Rich. »Die Iraner wollten einfach Öl verkaufen.« Der Unternehmer war 20 Jahre lang Israels wichtigster Lieferant. Schon unter dem Schah hatte er das Land mit dem schwarzen Gold Persiens versorgt – über eine Pipeline von Eilat nach Aschkelon, die heimlich von Israel und Iran gemeinsam betrieben wurde.
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