Justiz
Poker mit dem Satan
Rezsö Kasztner verhandelte mit Adolf Eichmann und rettete 1.700 ungarische Juden. Doch ein israelisches Gericht verurteilte ihn wegen Kollaboration. Verteidigungsplädoyer eines Überlebenden
02.09.2010 – von Ladislaus Löb
Beschuldigung Nach dem Krieg pendelte Kasztner zwischen Genf und Nürnberg, bis er 1947 mit seiner Frau und seiner kleinen Tochter nach Palästina auswanderte. Im jungen Staat Israel bekleidete er hohe Posten in der Mapai-Verwal- tung, aber zu seiner Enttäuschung wurde er nicht als Nationalheld gefeiert, sondern verschiedener Vergehen während des Krieges beschuldigt.
Zum Skandal kam es 1953, als ein Überlebender namens Malchiel Grünwald ein Pamphlet herausgab, in dem er Kasztner der Kollaboration mit den Nazis anklagte. Kasztner habe über Auschwitz Bescheid gewusst wie sonst niemand. Hätte er sein Wissen geteilt, so hätten die ungarischen Juden massenhaft Widerstand organisiert, sich versteckt oder die Flucht ergriffen. Aber er habe geschwiegen, und fast eine halbe Million Menschen hätte deshalb nichtsahnend die Waggons nach Auschwitz bestiegen. Als Belohnung habe Eichmann seine 1.700 prominenten Kumpane freigelassen.
In Wirklichkeit hatte Kasztner versucht, durch Chalutzim, Pioniere in den jüdischen Siedlungen Palästinas, Warnungen zu verbreiten, aber niemand hatte ihnen zugehört. Auch wenn er persönlich Alarm geschlagen hätte, wären die ungarischen Juden weder materiell noch psychisch in der Lage gewesen, sich zu wehren. Trotz seines Schweigens ahnten manche, was auf sie zukam, aber sie schlossen die Augen, weil es zu schrecklich war. Unter den 1.700 befanden sich unverhältnismäßig viele Prominente, aber auch einfache Leute, die ihre Anwesenheit entweder bestimmten Kriterien der Wa’ada oder dem bloßen Zufall verdankten. Und vor allem sollte die Befreiung der 1.700 viel größere Rettungsvorgänge in Gang setzen.
Hysterie Grünwald war als ein unbedeutender Querulant bekannt, aber da er einen hohen Beamten angegriffen hatte, verklagte ihn der Staat wegen Verleumdung. Die Hysterie, die der Prozess erregte, ist nur von der explosiven israelischen Politik her zu verstehen. Die Juden in Israel zerfielen ideologisch – grob gesagt – in zwei Blöcke. Mapai, mäßig links, hatte im Krieg durch Kompromisse mit der britischen Mandatsmacht die Unabhängigkeit Israels in vereinbarten Grenzen angestrebt; die Revisionisten, weit rechts, wollten nach wie vor mit Waffengewalt ein Groß-Israel errichten. Den Juden aus Europa gegenüber fühlten sich beide Blöcke schuldig, weil sie ihnen im Holocaust nicht hatten helfen können. Und sie verachteten sie gleichzeitig, weil sie sich den Nazis kampflos ergeben hatten. Den aggressiven Israelis erschien Kasztner mit seinen Winkelzügen als der schlimmste Typ des rückgratlosen Galut-Juden.
Grünwald wurde von einem raffinierten Anwalt namens Schmul Tamir verteidigt. Als überzeugter Revisionist benutzte Tamir den Prozess, um die Regierung zu desavouieren. Kasztners angebliche Kollaboration mit der SS verdrehte er zum Beweis der Kollaboration der Mapai-Führung mit den Briten. In seinem gnadenlosen Kreuzverhör wurde der Zeuge Kasztner zum Angeklagten. Als er eine eidesstattliche Erklärung für ein Entnazifizierungstribunal ans Licht brachte, mit der Kasztner aus undurchsichtigen Gründen dem SS-Standartenführer Kurt Becher seine mögliche Strafe als Kriegsverbrecher erspart hatte, war es endgültig um Kasztner geschehen. Das Urteil des Bezirksrichters Benjamin Halevi lautete auf »kriminelle Kollaboration im vollen Sinne des Wortes«. Noch verblüffender war der Zusatz des Richters, dass Kasztner »seine Seele an den Satan verkauft« habe.
Nach Halevis Urteilspruch ging eine Hexenjagd gegen Kasztner und seine Familie los. Die Regierung legte unverzüglich Berufung ein, aber erst im Januar 1958 sprach das Oberste Gericht Kasztner von der Kollaboration frei. Die Mehrheit der fünf Richter hielt ihm zugute, dass er die Befreiung der »Prominenten« nur als Teil eines größeren Projekts angesehen hatte, das er besser durch geheime Verhandlungen als durch öffentliche Warnrufe vor Auschwitz fördern konnte. Aber er erlebte seine Rehabilitierung nicht mehr.
Revolverschuss Am 3. März 1957 hielten ihn drei bewaffnete Männer vor seiner Wohnung in Tel Aviv auf. Einer von ihnen, Zeev Eckstein, verletzte ihn schwer mit einem Revolverschuss. Kasztner starb am 15. März im Krankenhaus. Die Mörder erhielten lebenslängliche Haftstrafen, wurden aber nach sechs Jahren begnadigt. Sie scheinen jüdische Rechtsextremisten gewesen zu sein. Ihre genauen Motive sind bis heute unklar.
Wie soll man von 750.000 Todgeweihten 1.700 zum Weiterleben auswählen? Ist es möglich, mit dem Bösen zu verhandeln, ohne die eigenen Hände zu beschmutzen? Warum brauchen wir Sündenböcke? Erfahren wir je die volle Wahrheit über einen Menschen? Kasztners Schicksal stellt uns vor viele unlösbare Fragen. Aber nach gründlicher Sichtung des vorhandenen Materials bin ich überzeugt davon, dass er kein Verräter war. Er verdient nicht Hass, weil er nicht alle retten konnte, sondern Dank, dass er so viele gerettet hat.
Zur Person: Ladislaus Löb wurde 1933 in Cluj (Klausenburg) geboren. Er ist emeritierter Professor für Germanistik an der University of Sussex in Brighton. 1944 gehörte er, damals elf Jahre alt, zu den 1.670 ungarischen Juden, die ein anderer ungarischer Jude, Rezsö Kasztner, von Adolf Eichmann freikaufte. In seinem soeben erschienenen Buch »Geschäfte mit dem Teufel« berichtet Löb ausführlich von seinen eigenen Erlebnissen und Kasztners Schicksal. Der Autor stellt sein Buch am Dienstag, 14. September, 20 Uhr in der Berliner Gedenkstätte »Topographie des Terrors« vor.
Ladislaus Löb: Geschäfte mit dem Teufel. Die Tragödie des Judenretters Rezsö Kasztner. Bericht eines Überlebenden. Böhlau, Köln 2010, 277 S., 24,90 €
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