Gespräch
»Biologischer Unsinn«
Alexander Kekulé über IQ-Tests, Integrationsprobleme und Thilo Sarrazin
02.09.2010 – von Christian Böhme
Können Menschen mit einem durchschnittlichen Intelligenzquotienten also trotzdem erfolgreich sein?
Jeder Mensch hat besondere Fähigkeiten, die entdeckt und gefördert werden müssen. Für den Erfolg unseres Staates ist es keineswegs dienlich, lauter Intelligenzbestien zu züchten. Stattdessen sollten wir dafür sorgen, dass möglichst viele Menschen ihre Fähigkeiten entfalten und der Gesellschaft damit auf ihre besondere Weise nützen können. Dazu gehört natürlich, dass alle Vorschulkinder Deutsch lernen und dass soziale Schmarotzer aus ihrer Lethargie gerissen werden – unabhängig von Herkunft und Glaubensrichtung.
Ist Sarrazins Argumentation biologistisch oder schon rassistisch?
Sie ist nicht wirklich rassistisch, weil »die Muslime« weder eine Rasse noch eine genetisch definierte Gruppe sind. Sie ist nicht einmal biologistisch, weil seine Argumentation auch biologischer Unsinn ist. Die Intelligenzverteilung ist bei Türken und Arabern ähnlich wie bei autochthonen Mitteleuropäern. Und natürlich teilen auch nicht alle Juden »ein bestimmtes Gen«, wie Sarrazin zitiert wird – das ist angesichts der vielen ethnischen Gruppen des Judentums grober Unsinn. Sarrazin diffamiert den Islam, indem er unterstellt, Muslime seien genetisch dümmer und aufgrund ihres religiösen und kulturellen Hintergrundes nicht willens, die in Deutschland geforderten Fähigkeiten zu erwerben. Wenn umgekehrt ein Mus- lim das über Christen sagte, würde man ihn wohl am ehesten als »Fanatiker« bezeichnen.
Mit dem Biochemiker und Direktor des Instituts für Medizinische Mikrobiologie in Halle sprach Christian Böhme.
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