Aktion

Hungerstreik in Schmargendorf

Ein Palästinenser kämpft vor der israelischen Botschaft in Berlin für Papiere, um nach Ost-Jerusalem reisen zu können

Aktualisiert am 30.08.2010, 14:37 – von Philipp Peyman EngelPhilipp Peyman Engel

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Firas Maraghy ist erschöpft. Die Wangen des 39-jährigen Palästinensers sind eingefallen, mehr als 15 Kilogramm hat der ohnehin schon schmächtige Mann in den letzten vier Wochen abgenommen. Weil seine Finger vor Hunger zittern, dauert es mehrere Minuten, bis es ihm gelingt, eine Zigarette zu drehen und endlich anzuzünden. Wie in Zeitlupe öffnen und schließen sich seine müden Augen. Nur wenn Maraghy über den Grund seines Hungerstreiks spricht, kehren für einen kurzen Moment Kraft und Entschlossenheit in sein Gesicht zurück. »Ich verlange lediglich das, was mir zusteht – nicht mehr, aber auch nicht weniger«, sagt Maraghy bestimmt und fügt nach kurzem Zögern hinzu: »Für dieses Recht bin ich bereit zu sterben.«

staatenlos Schon seit Jahrzehnten fühlt sich der in Ost-Jerusalem geborene Mann von den israelischen Behörden ungerecht behandelt. Denn obwohl auch seine Familie seit mehreren Generationen in der Heiligen Stadt lebt, gilt er als staatenlos und besitzt lediglich eine Aufenthaltskarte für das von Israel im Zuge des Sechstagekrieges 1967 eroberte Gebiet. Als die israelische Botschaft ihm dann im April dieses Jahres auch noch die Reisedokumente für seine sieben Monate alte und in Deutschland geborene Tochter Zaynab verweigerte, habe er nicht länger tatenlos bleiben können: »Wie würden Sie reagieren, wenn man Ihnen verbieten würde, mit Ihrer Familie in die Heimat zurückzukehren?«, fragt Maraghy aufgebracht.

Hinzu komme noch ein weiteres Problem, sagt der Friedensaktivist Reuven Moskovitz, der den Palästinenser bei seinem Hungerstreik unterstützt. Wenn Maraghy nicht bis Mai 2011 für mindestens anderthalb Jahre nach Ost-Jerusalem reise, werde er sein Rückkehrrecht verlieren. Deshalb müsse er sich entscheiden, ob er die Frist verstreichen lassen oder ohne Frau und Kind für 18 Monate in Ost-Jerusalem leben will. »Weil beide Entscheidungen schlimme Folgen für ihn hätten und er keinen Ausweg mehr weiß, hat mein Freund aufgehört zu essen«, sagt der Israeli. Die Botschaft in Berlin sowie die Regierung in Jerusalem, so Moskovitz‘ Überzeugung, messe mit zweierlei Maß.

Rückkehrrecht In einer Stellungnahme der Botschaft heißt es, dass Maraghy sich mit seinem Anliegen an die falsche Behörde gewandt habe. Ausschließlich das Innenministerium in Jerusalem könne die Tochter als Einwohnerin Israels registrieren. Und das auch nur dann, wenn er nach Israel zurückkehren würde. Doch das kommt für Maraghy nicht in Frage: »In Israel würde der Fall wie bei so vielen meiner Bekannten jahrelang bei den Behörden liegen.« Es geht ihm nicht zuletzt auch ums Prinzip. »Warum gilt Artikel 13 der Erklärung der Menschenrechte nicht auch für mich und meine Familie?«, fragt er erneut. Ebendiesen Artikel hat seine Frau, die Islamwissenschaftlerin Wiebke Diehl, auf ein Plakat gemalt, das neben Maraghys Liegestuhl steht: »Jeder hat das Recht, jedes Land, einschließlich seines eigenen, zu verlassen und in sein Land zurückzukehren.«

Unterdessen erfährt Maraghy immer mehr Unterstützung. So forderte zum Beispiel Fanny-Michaela Reisin von der Internationalen Liga für Menschenrechte am Freitag ein offizielles Signal der deutschen Politik. Nachdem bei Kundgebungen bereits Vertreter der Linkspartei anwesend waren und sich für Maraghy einsetzten, will nun am Montag Bundestagsvizepräsident Wolfgang Thierse (SPD) den Palästinenser in Schmargendorf aufsuchen.

Warmer Tee Selbst der israelische Botschafter in Deutschland, Yoram Ben-Zeev, habe sich kürzlich ausgesprochen höflich mit ihm unterhalten, sagt Maraghy. »Er hat mich vergeblich darum gebeten, wieder etwas zu essen und mich mit meiner Forderung an das israelische Innenministerium zu wenden.« Auch die Anwohner des noblen Villenviertels seien alle sehr nett zu ihm, versichert er. Besonders morgens und abends kommen viele und bringen warmen Tee.




Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Jubiläum

70 Jahre Jüdische Allgemeine – zum Dossier

70 Jahre
Jüdische Allgemeine

Zum Dossier

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wahlen USA

Amerika im Wahlfieber – zum Dossier

8. November 2016

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Herbst
Berlin
12°C
regenschauer
Frankfurt
14°C
regenschauer
Tel Aviv
30°C
heiter
New York
14°C
regen
Zitat der Woche
»Dieses Buch betet nicht die Asche an,
sondern reicht die Flamme weiter!«
Der Sänger Udo Lindenberg lobt das Buch »Jahrhundertzeugen. Die Botschaft der letzten Helden
gegen Hitler« von Tim Bröse