Fussball
Das Gebrüll der Löwen
Der TSV 1860 München hat lange Zeit über seine NS-Vergangenheit geschwiegen. Jetzt wird der Klub 150 Jahre alt – und beginnt mit der Aufarbeitung
26.08.2010 – von David Schelp
Interesse Insgesamt konnte der Historiker lediglich vier Lebensläufe jüdischer Mitglieder nachzeichnen. Bombenangriffe und Wasserschäden haben Lücken in die Mitgliederkartei des Vereinsarchivs gerissen. Weitere Dokumente verschwanden nach dem Krieg oder wurden weggeworfen. Es sei kein Wunder, dass man mit dem Material nicht sorgsam umgegangen ist, sagt Löffelmeier. »Der Verein hatte jahrzehntelang kein Interesse daran, seine Vergangenheit aufzuarbeiten.« Erst unter der aktuellen Präsidentschaft sei man dem Thema gegenüber offener geworden. Franz Maget erinnert sich noch gut an den Mann aus dem Stadtarchiv, der vor etwa drei Jahren in sein Büro kam. »Ich fand Anton Löffelmeiers Idee, unsere NS-Vergangenheit zu untersuchen, gut und überfällig«, sagt Maget heute. Er sei froh, dass endlich Licht auf diesen Teil der Vereinsgeschichte gefallen sei. Seit 2007 ist der SPD-Politiker Vizepräsident bei den »Löwen«. Zweimal ist er bei Landtagswahlen gescheitert. 2003 an Edmund Stoiber, 2008 an Günther Beckstein. Was für den TSV der FC Bayern ist, war für Maget die CSU. Trotzdem hat er nie aufgegeben.
Eine Eigenschaft, die beim TSV 1860 nützlich sein kann. Seit Jahren stolpert der Verein von einem Dilemma ins nächste. Das Geld fehlt, das geliebte Stadion verfällt, der Kader lässt fürchten, dass der Wiederaufstieg in die erste Bundesliga eine weiß-blaue Schwärmerei bleiben dürfte. Auch im Umgang mit ihrer Vergangenheit zauderten die »Löwen«. »Vielleicht hat es bei 1860 so lange gedauert, weil der Verein und die Verantwortlichen zu sehr mit den eigenen Problemen beschäftigt waren«, sagt Maget. Noch heute scheint das Verhältnis zu damals schwierig. Wer auf der Vereins-Homepage die Rubrik »Geschichte« durchstöbert, liest zwischen den Jahren 1926 und 1945 – nichts. Zwei Jahrzehnte ausgeklammert. Kein Wort zur engen Verbindung mit den Nazis.
gegen rechts Sonntag, drei Wochen nach der Jubiläumsfeier. Für die Amateure der »Löwen« beginnt die neue Saison. Vor den Kassenhäuschen des Grünwalder Stadions versammeln sich die Fans. Einer von ihnen ist Herbert Schröger. Gerade kauft sich der Mann mit dem gutmütigen Gesicht und der blauen Schirmmütze die 20. oder 21. Sechziger-Dauerkarte seines Lebens. So genau weiß er das nicht. »Einmal Löwe, immer Löwe, is’ so«, sagt Schröger. Auf dem Weg in seinen Stammblock wird Schröger von allen Seiten zugenickt. Ein »Grüß Gott, mein Lieber« hier, ein »Servus, Herbert« da. Man kennt ihn. Doch das war nicht immer so. Als Schröger und einige Freunde vor 13 Jahren anfingen, zu mahnen, dass man mit der braunen Vergangenheit aufräumen müsse und dass Rassismus und Antisemitismus immer da wären, kannte sie niemand.
Die Profis des TSV waren damals gerade ins Olympiastadion umgezogen. Auf der Tribüne machten sich befremdliche Rituale breit. Junge Männer reckten den rechten Arm zum Hitlergruß empor, wenn der Stadionsprecher die Mannschaft ankündigte. Kam ein dunkelhäutiger Spieler an den Ball, hallten Affengeräusche von den Rängen. »Uuh-uuh-uuh«, sangen sie. Oder: »Zick-Zack, Zigeu- nerpack«. Die Fanhändler verkauften plötzlich Kleidung, die vorwiegend von Neonazis getragen wird. Schröger und seine Freunde fanden das unerträglich. Sie schrieben einen Slogan auf ein Leinentuch und hängten es an den Drahtzaun im Stadion. »Löwen-Fans gegen Rechts«, stand darauf. Nach dem Spiel kamen andere Fans zu ihnen und bedankten sich, dass endlich jemand etwas gegen die Nazis tue. Seither hängen sie ihr Transparent immer auf.
Heute ist der Slogan »Löwen-Fans gegen Rechts« der Name ihrer Initiative. Zu Beginn hatten sie oft das Gefühl, als »Löwen-Fans gegen den TSV« wahrgenommen zu werden. Den Leuten war es suspekt, dass sich da welche gegen Rechts engagierten. Auch die Vereinsführung wollte nichts mit ihnen zu tun haben. Wöchentlich schrieben sie Briefe an den damaligen Präsidenten Karl-Heinz Wildmoser, der jüngst gestorben ist: Man müsse Rechts- radikalen entgegentreten und sich der NS-Geschichte des Vereins stellen. Eine Antwort bekamen sie nie. Wildmoser schwieg, die Neonazis konnten weiter grölen. Heute ist das Verhältnis zum Verein besser geworden. Die Rechten sind zwar noch da, aber sie verhalten sich ruhig. Vizepräsident Franz Maget sagt von sich, dass er mit einem Schal der »Löwen-Fans gegen Rechts« ins Stadion geht. Herbert Schröger berichtet, sie könnten heute zumindest in Ruhe ihr Ziel verfolgen: junge Fans vor brauner Propaganda schützen. Anton Löffelmeier sagt, er sei froh, einen Teil dazu beigetragen zu haben, dass die Verstrickung seines Vereins ins NS-Regime nicht weiter verschwiegen werden kann.
Alkohol Mit ihrem Einsatz haben sich Löffelmeier und Schröger in Giesing nicht nur Freunde gemacht. »Viele hat das Problem mit den Rechten einfach nicht interessiert«, sagt Schröger. »Vielleicht hatten sie Angst, die Ergebnisse meiner Nachforschungen könnten dem TSV schaden«, sagt Löffelmeier. Dass es noch immer genügend Anlass für ihr Engagement gibt, zeigte sich nach dem Jubiläumsspiel in einer Fan-Kneipe unweit des Stadions: Die Stimmung war gut, der Alkoholpegel hoch. Bei einigen sank die Hemmschwelle mit jeder weiteren Maß Bier. »Wir bauen eine U-Bahn vom FC Bayern bis nach Auschwitz«, grölten sie. Nur wenige sangen mit. Viele schwiegen. Niemand griff ein.
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