Tourismus

Reise nach Aschkenas

Zu Besuch bei den Gräbern berühmter Rabbiner in Worms, Speyer und Frankfurt

12.08.2010 – von Danijel MajicDanijel Majic


Tag und Nacht Inbars Kunden haben auch auf dem Friedhof Battonstraße ihre Nachrichten hinterlassen. Die Gräber der großen Rabbiner sind übersät mit Steinen und Gebetszetteln. Zu ihren Füßen reihen sich längst abgebrannte Kerzen aneinander. Seit 1826 ist niemand mehr auf diesem Gräberfeld bestattet worden. Dennoch zieht es Jahr für Jahr Tausende hierher, genau wie zu den Gräbern in Michelstadt, Worms und Speyer. »Die Leute sind natürlich auch schon gekommen, bevor es mein Angebot gab«, weiß Inbar, »aber ich übernehme neben dem Transport und der Führung auch die ganze übrige Organisation.«

Für Yoram Inbar beginnt der Tag früh. Um 5.30 Uhr landet am Frankfurter Flughafen die erste Maschine aus den USA. »Viele sind auf der Durchreise oder machen einen Zwischenstopp. Das sind dann meine Stunden.« Seine Kunden werden direkt am Flughafen abgeholt und zum Ziel ihrer Wünsche gebracht. Inbar besorgt den Transport, legt bei mehrtägigen Reisen die Route fest, organisiert Unterkunft und koscheres Essen und behält dabei immer den Flugplan im Auge. »Bislang haben nur zwei Leute ihren Flug verpasst. Weil sie zu lange gebetet haben.« Inzwischen ist die Nachfrage so groß, dass Inbar und seine Mitarbeiter drei bis vier Tage die Woche unterwegs sind, im Schlepptau manchmal bis zu 200 Besucher aus den USA und der übrigen jüdischen Welt.

Das beliebteste Ziel ist Michelstadt, das Grab von Seckel Löb Wormser. Ein Ort, von dem auch Inbar behauptet, dass er »etwas ganz Besonderes« sei. »Es gibt Menschen, die landen vormittags in Frankfurt, besuchen Michelstadt, und fliegen abends wieder zurück«, berichtet Inbar. Nicht selten seien es persönliche oder berufliche Probleme, die die Menschen dazu veranlassten das Grab des Baal Schem zu besuchen, den 1847 verstorbenen Rabbi von Michelstadt, um um Fürsprache im Himmel zu bitten. Wundererzählungen begleiteten Seckel Löb Wormser schon zu Lebzeiten, und wurden nach seinem Tod immer zahlreicher. Auch Yoram Inbar hat mittlerweile einige auf Lager. »Ein Kunde von mir und seine Frau haben acht Jahre lang vergeblich versucht, Kinder zu bekommen. Zwei Wochen nach seinem Besuch in Michelstadt ruft er mich an und sagt: Stell dir vor! Meine Frau ist schwanger.«

Aufenthaltsgenehmigung Auch ihm selbst habe der sagenumwobene Rabbiner bereits geholfen, ist Inbar überzeugt. Noch bis vor Kurzem weigerten sich die deutschen Behörden, ihm eine dauerhafte Aufenthaltsgenehmigung auszustellen. Vor drei Wochen schließlich konnte ihm sein Anwalt mitteilen, dass er sie erhält – zwei Tage nachdem Inbar den Baal Schem von Michelstadt um Hilfe gebeten hatte. »Als hätte er mich gehört.« Yoram Inbar verlässt den Friedhof an der Battonstraße leise und bedächtig. Er wird zurückkommen, schon in ein paar Tagen mit Besuchern aus aller Welt – es sei denn, er wäre irgendwo anders unterwegs. »Das ist mein Job – du weißt, wo die Reise anfängt, aber nicht wo sie endet.«

www.michelstadt.bon.co.il



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