Interview
»Dem Westen fehlt vitale Energie«
Der »Konzert«-Regisseur Radu Mihaileanu über jüdische Filme, die östliche Seele und das deutsche Publikum
29.07.2010 – von Jörg Taszman
Radu Mihaileanu, wie sind Sie auf die Idee für Ihren Film gekommen?
2001 ist tatsächlich ein falsches Bolschoi-Orchester in Hongkong aufgetreten. Ein Produzent hatte den Einfall, daraus einen Film zu machen, mit Paris als Schauplatz. Mit meinem Ko-Autor bin ich für drei Wochen nach Moskau gefahren, wo wir viele Interviews führten. Dabei erfuhr ich, dass Breschnew in den 80er-Jahren alle Juden des Bolschoi-Orchesters hatte feuern lassen, weil viele jüdische Musiker bei Auslandsauftritten abhauten und dann im Westen das Regime kritisierten. Jewgeni Swetlanov, ein großer Dirigent, wehrte sich dagegen, obwohl er kein Jude war, und wurde auch gefeuert. Aus all diesen Zutaten entstand das Drehbuch und später der Film.
Sie bezeichnen »Das Konzert« als einen persönlichen Film. Warum?
Weil ich auch im Osten aufgewachsen bin und mich das bis heute verfolgt. Seit ich in Frankreich lebe, stelle ich mir die Frage: Was ist die ideale Gesellschaft? Sicher nicht der Kommunismus, unter dem ich sehr zu leiden hatte. Dort hat man versucht, den Einzelnen zu zerdrücken. Auf der anderen Seite haben wir den Kapitalismus, der egoistische kleine Könige hervorbringt, die alle Verbindungen zu anderen gekappt haben und nur noch traurig für sich selbst in ihrem Turm zu Babel leben. Deshalb gibt es die Metapher am Ende des Films, die eine ideale Gesellschaft nach Art des Kibbuz propagiert. Um ein großartiges Konzert zu geben, müssen die Orchestermitglieder mit sehr unterschiedlichen Instrumenten ausgestattet sein, die zur Persönlichkeit jedes Einzelnen passen. Und: Der Solist an der Geige ist nichts ohne das Orchester, aber das Orchester ist auch nichts ohne den Solisten. Beides und beide bedingen einander.
»Zug des Lebens« war ein Film über die Schoa, »Geh und lebe« handelte von der Suche nach jüdischer Identität. Wie ordnen Sie »Das Konzert« ein?
Es geht darin um meine beiden Hälften. Ich habe ja mehrere Seiten – die jüdische lasse ich jetzt einmal beiseite. Es gibt in mir den Barbaren des Ostens, ungebildet, aber voller Energie und mit dieser slawischen Seele. Und dann ist da der zivilisierte Westler, der ich geworden bin. Etwas wohlhabend, höflich, aber auch ein wenig träge. Glücklicherweise weckt der Barbar den eingeschlafenen Westler gelegentlich, und glücklicherweise sagt der Zivilisierte manchmal zum Barbaren: Das, mein Freund, kannst du nun wirklich nicht machen. Dennoch versuche ich, so oft es geht, überschwänglich zu bleiben, diese vitale Energie zu feiern. Die fehlt im Westen. Auch davon handelt der Film.
Was meinen Sie genau?
Der Mensch ist nicht mehr in der Lage, sich den Herausforderungen der modernen Welt zu stellen. Alles, was er anfasst, vermasselt er: die Politik, die Wirtschaft, die Ökologie, die menschlichen Beziehungen. Alles vergeigt er. Deshalb ist er heute im Zustand der Depression. Ich habe darüber in einer Philosophiezeitschrift einen Aufsatz geschrieben und analysiert, dass wir uns nicht nur in einer Wirtschaftskrise befinden. Es ist eine Vertrauens- und Selbstbewusstseinskrise des Menschen. Mein Film spricht auf sehr leichte, lockere Art auch von dieser Krise.
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