Ortstermin

Besuch bei Hitler und Bialik

Mit dem Schriftsteller Chaim Be’er an den Schauplätzen seines Berlin-Romans

29.07.2010 – von Carsten HueckCarsten Hueck


Wurzeln Das äußerst kompakte Programm spiegelt diese Ambivalenz. Im klimatisierten Bus geht es zum früheren KZ Sachsenhausen und an das Brandenburger Tor. Historische Aufnahmen vom Kaufhaus Wertheim werden herumgereicht auf der Fahrt durch die Leipziger Straße. Auch der Luftraum über Hitlers Büro und Bunker stehen auf dem Programm. Dann der Wannsee, das Sommerhaus des Malers Max Liebermann. Der Savignyplatz, an dem einst der große hebräische Dichter Chaim Bialik wohnte. Aber auch Berlins Museumsinsel, die Gedenkstätte zur Berliner Mauer und alte Luftschutzbunker. Eine Woche lang sind die Israelis an Be’ers Romanschau(er)plätzen unterwegs. »In gewisser Weise stecken Teile von Berlin und deutscher Kultur sogar in mir«, sagt der 1945 in Jerusalem geborene Autor. »Die tiefsten Wurzeln meines Stammbaums gehen zurück nach Speyer und Worms, sie sind tausend Jahre alt. Mein Ururururgroßvater war Rabbiner dort. Und wenn ich herkomme, habe ich das Gefühl, in eine Heimat zu kommen, die mich nie richtig wollte.«

Dennoch will Be’er wiederkommen, wie viele andere aus der Reisegruppe auch. »Wir wollen sehen, warum alle jungen Menschen hier herziehen.«, sagt eine Frau. Ihre Tochter lebt mit Mann und Kind in der deutschen Hauptstadt, wie rund 30.000 andere, vor allem junge Israelis. Für Chaim Be’er steht die Stadt deshalb nicht nur für deutsch-jüdische Vergangenheit, sondern auch für Zukunft. »Ehrlich gesagt – nicht allein die ganze neue Architektur oder die Vergangenheit, auch nicht das Multikulturelle an Berlin begeistert mich. Sondern, dass so viele junge Israelis hierherkommen, um zu studieren, zu arbeiten und eine Zeitlang in der Stadt von Moses Mendelssohn und Adolf Hitler zu leben. Diese Verbindung – eine außergewöhnliche – finde ich absolut großartig.«



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