Ortstermin
Besuch bei Hitler und Bialik
Mit dem Schriftsteller Chaim Be’er an den Schauplätzen seines Berlin-Romans
29.07.2010 – von Carsten Hueck
Ein Sommertag in Berlin. Die Temperatur beträgt an die 35 Grad. Autos knattern um die Ecke, ein Radfahrer behauptet panisch klingelnd sein Recht auf Vorfahrt. Gelassen trottet eine Reisegruppe über die Oranienburger Straße. Das Durchschnittsalter liegt bei ungefähr siebzig Jahren. Kopfhörer und Turnschuhe tragen sie, Basecaps und Strohhüte, sind mit Wasserflaschen ausgerüstet und dunklen Sonnenbrillen. Im Schatten hoher Bäume auf dem ehemaligen Jüdischen Friedhof machen sie Halt am Grabstein von Moses Mendelssohn. Ein Mann in Jeans und schwarzem T-Shirt gibt Erklärungen zum Ort ab, danach liest er der Gruppe etwas vor. Es ist der israelische Schriftsteller Chaim Be’er. Der Professor für Hebräische Literatur an der Ben- Gurion-Universität in Beer Sheva liest aus seinem 2007 erschienenen Roman Lifnej ha-Makom (übersetzt etwa »Vor Ort«). Knapp dreißig Israelis hören ihm zu. Auf den Spuren des Romans lassen sie sich durch Vergangenheit und Gegenwart der deutschen Hauptstadt führen. Und erhalten gleichzeitig einen Eindruck davon, wie Literatur entsteht. Alle haben Be’ers Buch gelesen und vergleichen nun seine Schilderungen mit der Realität. Warum das Restaurant im Roman auf der linken Seite des Platzes ist, wobei es sich doch auf der rechten befindet, fragt einer aus der Gruppe. Be’er gibt geduldig Auskunft.
bücher Im Oktober wird der Roman auf Deutsch unter dem Titel Bebelplatz im Berlin-Verlag erscheinen. Fünf Menschen treffen sich darin in einer alten Villa am Wannsee, einem stadtbekannten Ort literarischer Veranstaltungen. Israelis, Juden, eine Deutsche. Die deutsche Hauptstadt ist Schauplatz des Romans, sein Thema aber ist die Kraft des Wortes, das Überleben des Geistes. Be’er erklärt der Reisegruppe, dass Berlin über Jahre hinweg das Zentrum des hebräischen Buches war. »Die Hauptstadt der Buchausstattung, der Erfindung von Buchstaben. Die bekannteste israelische Schrifttype, in der noch heute die meisten Zeitungen und Bücher in Israel gedruckt werden, die FrankRuehl, ist in Berlin von jüdischen und deutschen Künstlern erfunden worden.«
Gemeinsam mit dem Autor spüren die literaturbegeisterten israelischen Senioren jüdischer Geschichte in Berlin nach. Auf dem Bebelplatz, zu dem Be’er die Gruppe führt, erinnert ein Denkmal des israelischen Künstlers Micha Ullman an die Bücherverbrennung vom Mai 1933: Durch eine Glasplatte im Boden sieht man auf leere Regale unter der Erde. Für Chaim Be’er ist dieser Ort das Negativ zur hebräischen Nationalbibliothek in Jerusalem. »Es gibt zwei unterirdische Räume – und sie haben eine Verbindung«, sagt er. »Der eine ist dieses wunderbare Kunstwerk von Micha Ullman hier am Bebelplatz: die leere Bibliothek. Und dann gibt es einen unterirdischen Raum, der bis an die Decke gefüllt ist: die hebräische Nationalbibliothek in Jerusalem. Voll mit Millionen hebräischer Bücher und Dokumenten aus der ganzen Welt.«
ambivalenz Auch der Handschriftenexperte der Nationalbibliothek, Rafi Weiser, nimmt an dieser Reise teil. Er ist vertraut mit Manuskripten und Briefen von Schmuel Josef Agnon und Else Lasker-Schüler. Beruflich bedingt war Weiser schon häufiger in der Bundesrepublik. Seine Frau und seine in Breslau geborene Mutter weigern sich hingegen beharrlich, einen Fuß auf deutschen Boden zu setzen. »Aber abends am Telefon muss ich immer erzählen, was wir gesehen haben«, schmunzelt er. Wie fast alle Mitreisenden ist Weiser hin- und hergerissen von dem, was er sieht und hört. Die meisten von ihnen haben einen deutschen Familienhintergrund. Es sind die Kinder der Jeckes. Die Tour durch Berlin weckt widersprüchliche Emotionen, die auch der Roman wiedergibt. Kitty Cohen, geboren in Wien, ehemals Professorin für englische Literatur, bringt es auf den Punkt: »Das Buch drückt die politische, moralische Zwiespältigkeit aus, die fast jeder von uns Israelis spürt. Berlin war Sitz der nationalsozialis-tischen Regierung. Auf der anderen Seite gibt es diesen literarischen, kulturellen Hintergrund. Große jüdische Autoren lebten hier. Es gibt die Anziehungskraft, die Achtung vor Kultur und Schönheit der Stadt, ihrer Kunst, ihren Forschungen. Und dann auch das andere. Berlin ist anziehend und abstoßend zugleich.«
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