Umfrage
Ganz im Vertrauen
Warum die geplante Volkszählung Juden in Deutschland kaum verunsichert
29.07.2010 – von Elke Wittich
Anonymität Grigori Lagodinski, stellvertretender Vorsitzender der jüdischen Gemeinde Kassel, hat sich, wie die meisten Bundesbürger, »noch nicht sehr mit dem Thema Volkszählung« beschäftigt. Spontan, so sagt er, sehe er kein Problem, »es wird ja wohl eine anonyme Umfrage sein«. Gegen eine grundsätzliche Erhebung statistischer Daten der Bürger, so Lagodinski weiter, habe er »als solches nichts einzuwenden. Ich verstehe die datenschutzrechtlichen Bedenken der Kritiker der kommenden Erhebung. Da wir als Bürger schon viele Daten mit den Behörden teilen, ist diese Erhebung keine große Steigerung, solange der Gesetzgeber eine Anonymisierung der Datensätze gewährleistet.« Der Zusatz der religiösen Zugehörigkeit sei unter diesen Bedingungen kaum ein Problem. Anders sei es zum Beispiel bei der Angabe im Finanzamt. Dort sei die Angabe der Religionszugehörigkeit mit der konkreten Person verbunden.
Zweck Außerdem müsse man bedenken, dass es »sich ja nicht um eine kommerzielle Befragung, handelt, sie diene sozusagen einem höheren Zweck. Die demografischen Daten werden für die Arbeit von Politik und Verwaltung gebraucht.« Dass ältere Zuwanderer ein Problem damit haben könnten, ihre Religionszugehörigkeit anzugeben, glaubt Lagodinski nicht: »Durch die Erfahrungen in der Sowjetunion ist das Vertrauen in die deutschen Behörden eher größer – dazu muss man auch sehen, dass die Immigranten ins Land kamen, eben weil sie das Gefühl hatten, diesem Land und seinen Behörden vertrauen zu können.«
Denn »dass in den sowjetischen Pässen bei jüdischen Bürgern in diskriminierender Absicht als Nationalität ›Jude‹ vermerkt worden war, ist natürlich ein himmelweiter Unterschied dazu, bei einer Volkszählung, bei der strikte Datenschutzregeln gelten, die Frage nach der Religionszugehörigkeit zu beantworten«.
Zugehörigkeit Leo Friedmann, Leiter des jüdischen Altenheims in Frankfurt/Main, sieht die Volkszählung ebenfalls recht gelassen. 1987 hatte er »teilweise noch in Italien gelebt«, das Thema spielte für ihn deswegen kaum eine Rolle. Für viele Migranten sei es damals nicht einfach gewesen, sich »als Mitglied einer jüdischen Gemeinde zu bekennen«, erinnert sich Friedmann, der Ende der 80er-Jahre Vorsitzender der Gemeinde in Heidelberg war. »Die Angst war vielen eingeimpft«, sagt er. »Man fürchtete, hier nun auch als Juden diskriminiert zu werden.«
Heute sei dies anders, für die Bewohner des Altenheims stehe »die Zugehörigkeitsfrage nicht mehr im Vordergrund, auch wenn man politisch natürlich immer ein wenig ängstlich auf Meldungen über Rechtsextremismus reagiert.« Die Zeiten des Misstrauens seien allerdings vorbei. »Nun können viele endlich wieder so leben, wie sie es noch als Kinder gewohnt waren und sich selbstbewusst als dem Judentum zugehörig bekennen.«
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