Jerusalem

Tanz die Tatsachen

Besucherwarnungen, Sirenengeheul und Sicherheitskontrollen – dennoch wird nachts in der Stadt gefeiert. Nicht so wild wie im Partyzentrum Tel Aviv, aber dafür näher an der Realität

29.07.2010 – von Lea HampelLea Hampel


Die vergangenen Monate in Jerusalem könnte man so zusammenfassen: Seit vergangenem Herbst gab es mehrfach Unruhen in der Altstadt. Das Westjordanland war an Pessach und dem Unabhängigkeitstag abgeriegelt. Die Welt regte sich erst über Neubauten im Osten der Stadt auf, dann über die Enterung der »Mavi Marmara« durch israelische Soldaten. Auch so lässt sich die jüngste Vergangenheit auf den Punkt bringen: Jerusalem tanzt und trinkt. Am Unabhängigkeitstag sind alle Laternen mit blau-weißen Flaggen geschmückt, an LagBaOmer lodern die Lagerfeuer. Dennoch gehören Steinwerfer in der Altstadt und Probleme an den Checkpoints zum Alltag. In solch extrem unruhigen Zeiten erhalten Studenten besondere Sicherheitshinweise. Die Schwedin Emelie, die wie Maytal an der Hebräischen Universität studiert, weiß aus eigener Erfahrung, dass solche Hinweise durchaus berechtigt sein können. Im März war sie erstmals in eine wirklich brenzlige Situation geraten, als sie nach einem Bewerbungsgespräch im palästinensischen Ramallah am Checkpoint festsaß. Plötzlich flogen Steine, israelische Soldaten antworteten mit Tränengas. Als vor Emelies Füßen etwas Granatenähnliches landete, flüchtete sie in einen Schulbus. Erst nach dem vierten Guinness am Abend hat sie sich wieder gefangen. Dennoch: Das Studentenleben in Jerusalem mag sie nicht missen.

Tiger und Locken Hier in der heiligen Stadt könne man leichter interessante Menschen kennenlernen als in Tel Aviv, ist sich Emelie sicher. Vor allem mag sie die großen Gegensätze. Da steht zum Beispiel ein lebensgroßes Tiger-Maskottchen neben einem Orthodoxen mit Schläfenlocken an der Bar. Und kleine alternative Bars gehören genauso dazu wie das »Haoman 17«, eine Großraumdisko am Stadtrand, mit hippem Publikum, Türstehern und Frauen in knappen Röcken und Stiefeln. Und gegenüber der Schawarmastand. Partymeile mitten im Industriegebiet zwischen Lampenhäusern, Baumärkten und einem Multiplexkino. Dennoch gilt vielen Jerusalem als konservativ. Dabei gibt es hier neben dem »Haoman 17« eben auch Orte wie das »Uganda«, eine kleine Bar mit 60er-Jahre-Flair, die tagsüber zum Plattenladen und Comicshop wird. Man gelangt dorthin durch die Fußgängerzone. Vorbei an einer Gruppe christlicher Koreaner, die Lieder singen, tanzen und hoffen, dass der Messias schneller kommt, wenn sie sich alle im Heiligen Land versammeln. In einer Seitengasse steht eine junge Frau, kurzer Rock, hohe Schuhe, blondierte Haare. Sie posiert, schaut ernst in die Kamera. »Noch einmal«, ruft der Fotograf ihr zu. Sie hält ein Bild von Gilad Schalit in der Hand, dem vor vier Jahren von der Hamas entführten israelischen Soldaten.

Partyluft Das ist Jerusalem: Hier die kleine Bar, um die Ecke die große Politik. Während es in Tel Aviver Szeneclubs leicht ist zu vergessen, fällt das hier schon schwerer. Nur ein paar Minuten entfernt liegt das ultra-orthodoxe Mea Schearim. Hier haben die Menschen keinen Fernseher, dafür aber mindestens sechs Kinder. Von der Dachterrasse des »Bass« sieht man, wie ein Religiöser mit traditionellem osteuropäischen Hut den Kinderwagen durch die Nacht schiebt. »In Jerusalem liegt etwas in der Luft«, sagt Kvir und kichert nach dem zweiten Bier über seine bedeutungsschwangeren Worte. Der 28-jährige Israeli macht eine Ausbildung zum Krankenpfleger im Stadtteil Ein Kerem und ist eines der Gesichter, die einem bei der Reise durch Jerusalems Nachtleben an einem Abend mehrfach und mehrere Tage hintereinander begegnen. Er stammt aus der Nähe von Tel Aviv, ist nachts aber lieber hier unterwegs. Gleich wird Tama Sumo, DJane aus der Berliner Panoramabar, auflegen. Der Auftritt ist Teil der »Pacotek«, einer Partyreihe, die in Jerusalem in den 90er-Jahren entstanden ist.

Bodenhaftung An diesem Abend sind 100 junge Leute gekommen, um Tama Sumo zu erleben, die zum dritten Mal in Jerusalem auflegt. »Die Leute gehen aus – aber sie verlieren hier weniger die Bodenhaftung als die Tänzer in Tel Aviv.« Das sieht Maytal ähnlich. Zwar wird abends nicht über Aktionen des Militärs oder illegale Bauten diskutiert. Aber man sei in Jerusalem einfach der Realität näher – selbst, wenn Tel Aviv geografisch näher an Gaza liege. »In Jerusalem gehst du tagsüber demonstrieren und abends aus. In Tel Aviv, da gehst du nur aus.« Dann lautes Sirenengeheul, zum achten Mal an diesem Freitagabend. Dennoch hat Maytal keine Angst. »Es kann überall etwas passieren«, sagt sie. Und tanzt weiter in die Nacht hinein.



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