Porträt der Woche
Mann mit Leidenschaft
Richard Borg hat vor wenigen Jahren angefangen, französische Chansons zu singen
29.07.2010 – von Johannes Kloth
Frankreich Ich bin häufig in Frankreich, das von Saarbrücken aus ja gar nicht weit entfernt ist. Meine Schwester lebt im Norden von Paris, wo ich viele Freunde habe, seit einiger Zeit auch etliche im Künstler-Milieu. Meine große Leidenschaft sind französische Chansons, seit anderthalb Jahren nehme ich Gesangsunterricht. Ich singe Stücke von Größen wie Daniel Guichard, Gilbert Becaud, Patrick Bruel oder auch Claude François. Dieser Ausgleich tut mir sehr gut. Ich bedauere, nicht schon viel früher damit angefangen zu haben. Ein Lied – die Originalversion von »My Way« – habe ich bei YouTube ins Internet gestellt. Wer dort »comme d’habitude cover by richard« eingibt, kann sich eine Kostprobe anhören.
Gerne würde ich jüdische Künstler mit französischer und jüdischer Musik nach Deutschland vermitteln. Die Leidenschaft für Musik teile ich mit meinem Sohn, allerdings in völlig unterschiedlichen Stilrichtungen. Er ist Anhänger von Death Metal, womit ich überhaupt nichts anfangen kann. Frankreich war schon immer mein zweiter beruflicher Anlaufpunkt. Ich habe in Mönchengladbach Fachabitur gemacht, wo ich anschließend auch Textilbekleidungstechnik und Wirtschaftsingenieurwesen studierte. Mein Ziel war es, als erstes Familienmitglied nach dem Großvater die von der Bundesrepublik rückerstattete Textilfabrik meiner Mutter zu übernehmen. Das Unternehmen wurde damals fremdgeführt.
Doch nach dem Mauerfall 1989 brach die für den Betrieb so wichtige textilverarbeitende Industrie in Osteuropa zusammen. Die Fabrik musste schließen. Ich ging nach Paris, arbeitete dort in der Verkaufsförderung und führte eine Fernbeziehung nach Saarbrücken. Als mein Sohn unterwegs war, zog ich endgültig zurück ins Saarland.
Gemeinde Wie meine Eltern war auch ich sehr engagiert für die jüdische Gemeinde im Saarland. Von 1988 bis 1998 saß ich in der Repräsentanz und war einige Jahre deren Vorsitzender. Danach übernahm ich den Gemeindevorsitz. Vor drei Jahren bin ich von diesem Amt zurückgetreten. Böse Zungen behaupten bis heute, ich sei abgewählt worden. Fakt ist: Ich bin auf Ungereimtheiten gestoßen, die ich nicht mittragen wollte. Aus meiner Sicht ist die Gemeinde heute auf dem Weg des Ab- und Rückbaus. Ich bin stolz auf viele Dinge, die ich während meiner Amtszeit mit anstoßen konnte: etwa den Staatsvertrag mit der saarländischen Landesregierung 2001, die Integrationsarbeit für die vielen jüdischen Zuwanderer, den Gemeindechor und die Bibliothek. Es war eine anstrengende und fordernde, teilweise auch sehr schöne Zeit, in der ich viel gelernt habe.
Heute engagiere ich mich andernorts. Seit 2002 bin ich CDU-Mitglied. Bis zur letzten Kommunalwahl war ich kulturpolitischer Sprecher meiner Fraktion im Stadtrat. Jetzt bin ich von der Fraktion als Sachverständiger für den Kulturausschuss nominiert worden. Kultur halte ich für unglaublich wichtig. Eine Gesellschaft ohne Kultur ist zum Tode verurteilt.
Mein besonderes Engagement gilt dem Verein DenkmalMit!, der sich vor allem dafür einsetzt, die ehemaligen Saarländer jüdischen Ursprungs – zumindest ideell – wieder in die Mitte der Gesellschaft zu rücken. Im Moment werben wir für ein Denkmal, an dem die Namen aller Opfer stehen sollen. Es ist ein schönes Projekt und eines – das ist das Gute –, das mitten aus der Bürgerschaft kommt.
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