Porträt der Woche

Mann mit Leidenschaft

Richard Borg hat vor wenigen Jahren angefangen, französische Chansons zu singen

29.07.2010 – von Johannes KlothJohannes Kloth


Beim Legen der Tefillin freue ich mich jeden Morgen, dass das Judentum in meiner Familie weiterlebt. Ich denke an die beiden glücklichsten Augenblicke meines Lebens, die Brit Mila und die Barmizwa meines Sohnes. Ihn traditionell zu erziehen, war mir eine moralische Verpflichtung. Das Leid, das meine Familie im Dritten Reich erfahren hat, drängte mich dazu, unsere Traditionen weiterzugeben.

israel Mein Sohn hat kürzlich sein Abitur gemacht. Er möchte Jura studieren. Aber vorher wollen wir erst einmal gemeinsam nach Israel reisen. Ich arbeite als Geschäftsmann, meine Arbeitstage sind sehr lang, und ich bin viel unterwegs. Oft sitze ich aber auch einfach im Büro und muss ein Telefonat nach dem anderen führen. Im Moment ist die Stimmung bei den Kaufleuten sehr angespannt. Ich habe meinen Betrieb gerade verkauft. Wir haben uns vor allem um die Entfernung von Graffitis gekümmert. Aber die öffentliche Hand hält dafür kaum noch Mittel bereit.
Derzeit befinde ich mich in einer beruflichen Neuorientierungsphase. Ich besuche Seminare, um mich weiterzubilden und denke darüber nach, mich sowohl in Deutschland als auch in Frankreich im Bereich Coaching niederzulassen. Ich möchte neue Ufer erklimmen. Man muss heute flexibel sein.

Ich bin 1957 in Saarbrücken geboren und dort auch aufgewachsen. Meine Eltern waren deutsche Juden. Mein Vater emigrierte vor dem Krieg nach Frankreich und ließ sich dort einbürgern. Als französischer Soldat kämpfte er gegen Nazi-Deutschland. Nach Hitlers Einmarsch kam er in Kriegsgefangenschaft, aus der er flüchten konnte. Anschließend versteckte er sich in den Pyrenäen.

Meine Mutter lernte er nach Kriegsende in Paris kennen, wo sie in einem koscheren Restaurant kellnerte. Sie stammte aus einer Kasseler Fabrikantenfamilie und war aus Hitler-Deutschland nach Paris geflüchtet. Ihre Concierge verriet sie bei der Polizei, Männer der französischen Pétain-Regierung brachten sie ins »Sammellager« Drancy bei Paris. Mithilfe von Freunden konnte sie fliehen. Es ist ein Wunder, dass sie überlebt hat.

qualen Bis auf eine Schwester, die durch den Krieg psychisch sehr krank wurde, sowie deren Mann, hat niemand aus der großen Verwandtschaft meines Vaters überlebt. Er war bis zu seinem Lebensende sehr geprägt von diesem Verlust. Dass meine Eltern keine physischen Qualen erleiden mussten, hat mir als Kind vieles erspart. Dennoch waren sie sehr verletzt. Meine Mutter hatte infolge ihres kurzen Lageraufenthalts starke gesundheitliche Probleme. Ich erinnere mich, dass zu Hause am 9. November immer eine Kerze angezündet wurde. Ich höre heute noch, wie mein Papa mit Tränen in den Augen sagte: »Das ist für die Familie.«

deutschland Eigentlich wollten meine Eltern nicht zurück nach Deutschland. Sie zogen dann ins Saarland, das in den ersten Nachkriegsjahren eng an Frankreich gebunden war. Mein Vater baute hier den Textilgroßhandel Patex auf. Wir blieben, auch nachdem das Saarland an die Bundesrepublik angeschlossen wurde. Ich erinnere mich, dass ich meinen Vater in jungen Jahren immer wieder konfrontierte: »Wie konntest du nur zurück in das Land der Täter gehen, wie konntest du mich hier zur Welt bringen und aufwachsen lassen?« Er schilderte mir dann, wie schwierig diese Entscheidung für ihn gewesen sei. Schließlich fragte er einen Rabbiner um Rat. »Sie haben dir alles genommen, hol’ es dir zurück!«, sagte ihm der Rabbiner.

Wir und die anderen Kinder der jüdischen Gemeinde gingen zur Schule auf das Lycée Maréchal Ney, das später Deutsch-Französisches Gymnasium hieß. Das war unsere Form der Abgrenzung von Deutschland. Mit 18 Jahren wurde mir als Einzigem in der Familie die deutsche Staatsangehörigkeit angeboten, weil mein Opa väterlicherseits Deutscher war – eine Perversion der Geschichte: Meinen Vater wollten die Nazis töten, weil die Eltern Juden waren, 25 Jahre später wollten mich deren Kinder zur Bundeswehr einziehen, weil die Großeltern deutsche Juden waren. Ich konnte jedoch verweigern.



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