USA

Beten kostet

Wie teuer es ist, Mitglied einer Synagogengemeinde zu sein

29.07.2010 – von Hannes SteinHannes Stein


In Amerika sind jüdische Gemeinden auf drei Geldquellen angewiesen: auf kapitalistische Philanthropie, auf Mitgliederbeiträge und auf Spenden, die etwa durch Versteigerungen einer »kowed« (Ehre) erzielt werden. So hat es der Autor dieser Zeilen an einem Jom Kippur in Brooklyn miterlebt, wie für eine Alija, einen Aufruf zur Tora, 5.000 Dollar geboten wurden. Aber das war eine einmalige Ausgabe; Mitgliederbeiträge müssen mehrmals bezahlt werden. Eine Studie aus dem Jahr 2005 hat ermittelt, dass die Mitgliedschaft in einer Synagogengemeinde in Amerika durchschnittlich 1.100 Dollar im Jahr kostet. Das mag für eine nette Gemeinde irgendwo draußen auf dem Land gelten. In Manhattan allerdings berappt man gut und gern das Dreifache.

abschreckend Selbstverständlich wird niemand von der Schwelle eines Bethauses gewiesen, weil er seinen Mitgliedsbeitrag nicht bezahlt hat – es sei denn an einem Hohen Feiertag, wenn die Sitzbänke übervoll sind. Gleichwohl muss sich niemand wundern, dass diese Mitgliedsbeiträge viele Juden vom religiösen Leben eher abschrecken. In den 90er-Jahren waren 70 Prozent der amerikanischen Juden »unaffiliated«, das heißt, sie gehörten keinem Synagogenverband an. Die Zahl dürfte seither eher noch gewachsen sein.

Längst denken die Köpfe jüdischer Organisationen in Amerika darüber nach, ob man die Eingangsschranken, an denen zur Kasse gebeten wird, ganz abräumen – oder ob man diese Schranken doch wenigstens radikal neu erfinden soll. Jay Sanderson, der Präsident der Jewish Federation of Los Angeles, sagte dem liberalen Magazin Newsweek: »Bei uns gibt es diese verrückte Idee, dass man zahlen muss, um mitspielen zu können.« Bei christlichen Kirchen werde man zunächst einmal zum Gebet eingeladen, dann erst werde um eine Spende gebeten. »Der erste Instinkt einer jüdischen Gemeinde ist zu sagen: ›Gebt uns Geld‹ statt ›Kommt rein‹.«

chabad Sanderson erklärt sich den großen Erfolg der Lubawitscher vor allem damit, dass sie dieses Schema durchbrechen: Die jungen Männer mit den schwarzen Hüten stehen an den Straßenecken, fragen freundlich, ob man jüdisch sei und laden dann zum Essen und zum Gottesdienst ein. Sanderson merkt an: Die Lubawitscher »funktionieren nach einem christlichen Modell«.

Wie kann man das jüdische Leben in Amerika billiger machen? Der Schlüssel liegt wohl in dem Slogan »small is beautiful«. Die Epoche des Antisemitismus, in der Juden von christlichen Sportclubs und Universitäten ausgeschlossen blieben, ist in Amerika gottlob vorbei. Niemand braucht mehr die gewaltigen Gemeindezentren, die Riesensynagogen aus jenen trüben Tagen. Wenn die Gebäude kleiner geworden sind, können auch die Mitgliedsgebühren schrumpfen. Koschere Hühnerschnitzel allerdings werden immer ein gutes Stück teurer sein als unkoschere. Und ein Schtreimel wird immer ein Luxusgegenstand bleiben. Das ist nicht nur in Amerika so.



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