USA

Beten kostet

Wie teuer es ist, Mitglied einer Synagogengemeinde zu sein

29.07.2010 – von Hannes SteinHannes Stein


In unserer Tiefkühltruhe liegt ein reichliches Pfund koschere Hühnchenschnitzel. »7,69« Dollar steht auf dem Preisschild. Diese Schnitzel haben wir vergleichsweise billig gekauft, bei Fairway in der Upper West Side. Bei unserem jüdischen Metzger gleich um die Ecke in der Third Avenue – er heißt Park East Kosher – hätten wir mehr bezahlt (9,98 US-Dollar pro Pfund), und in einer ultraorthodoxen Gegend in Brooklyn – in Crown Heights oder Boro Park – sogar noch viel mehr. Schließlich sind die Hühnerschnitzel dort auch ganz besonders koscher. (Zum Vergleich: Schnöde trejfe Hühnerschnitzel bekommt man in Manhattan schon für 4,99 Dollar.)

Je frommer man lebt, desto mehr muss man für seinen Lebensunterhalt aufbringen. Wer sehr fromm lebt, hat aber meistens auch Kinder. Jack Wertheimer hat in einem Artikel im konservativen Magazin Commentary Folgendes ausgerechnet: Eine orthodoxe Familie mit drei Kindern gibt pro Jahr 50.000 bis 110.000 Dollar für Schulgeld, das obligatorische Sommerferienlager für die Sprösslinge, Synagogengebühren und koscheres Essen aus. Das sind nach heutigem Wechselkurs im schlimmsten Fall mehr als 85.000 Euro!

Dabei ist noch gar nicht über Kleidung gesprochen. Ein Schtreimel – das ist diese Pelzmütze, die chassidische Männer auch im Hochsommer tragen – kostet, wie Gewährsleute versichern, von 1.800 Dollar aufwärts. Für einen besonders edlen kann man sogar 5.400 Dollar auf den Ladentisch blättern. Und eine koschere Perücke schlägt mit 300 bis 500 Dollar zu Buche.

gebühren Nun betreffen solche Ausgaben nur chassidische Juden, die sich streng an die Gebote des Schulchan Aruch halten. Es gibt aber ein Thema, das auch jene Söhne und Töchter Israels angeht, die es mit der Lehre nicht empfindlich halten: Das sind Synagogengebühren. Sie sind sehr hoch und müssen es auch sein, weil Staat und Religion in Amerika viel strikter getrennt sind als in Deutschland.

Dass etwa der Staat eine Kirchensteuer einsammelt, finden Amerikaner einfach nur absurd. Unter einer »Körperschaft des öffentlichen Rechts« – als solche firmieren Religionsgemeinschaften in Deutschland – können Amerikaner sich eigentlich gar nichts vorstellen. Religiöse Gemeinden sind in den USA Vereine, ganz einfach. Diese sind weitgehend von der Steuer befreit, wie jede andere Organisation, die nicht auf Profit aus ist. Ansonsten gilt aber: Für den Erhalt ihrer Gebäude – Mikwes, Synagogen, Kulturzentren – sind die jüdischen Gemeinden selbst verantwortlich. Das Gehalt für Rabbiner und Kantoren müssen sie allein bezahlen.

Klingelbeutel Hier gibt es außerdem wichtige Unterschiede zu christlichen Gemeinden zu bedenken: In den Vereinigten Staaten üben christliche Prediger oft noch einen lukrativen Hauptberuf aus, sie sind also finanziell nicht von ihrem Job als Pastor abhängig. Rabbiner dagegen sind meistens nichts anderes als Rabbiner. Und weil man am Schabbat keinen Klingelbeutel herumreichen darf, kann man in Synagogen nicht so leicht Geld einsammeln.



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