Vorbildfunktion
Der Meisterschüler
Wie das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden im Judentum sein soll
29.07.2010 – von Rabbiner Yehuda Teichtal
Die Gedanken sind grenzenlos. Sie können von einem Ort zum anderen springen, von einem Konzept zum anderen. Die Gedanken können weder in eine Richtung gezwängt werden, noch geformt werden. Sie sind weit und vielleicht ohne Ziel. Wenn man allerdings diese Gedanken jemand anderem vermitteln will, so muss man sprechen. Sprechen ist nicht bloß der verbale Transfer von Gedanken, es ist kein Lautsprecher, der das vermittelt, was einen im Kopf beschäftigt. Sprechen ist viel mehr. Denn um zu sprechen, muss man eine präzise Zusammenfassung seiner Ge-
danken vornehmen. Das Sprechen zwingt den Denkprozess, kristallklar zu werden und verständlich für die anderen. So ist es auch mit dem Meister und seinem Schüler. Durch das Unterrichten der Schüler wird auch dem Meister das Thema deutlicher. Durch seine Schüler kann der Meister den tieferen Sinn und die Dimension der Materie besser verstehen.
Wissen Dies setzt natürlich voraus, dass der Meister auch die Qualität des Verständnisses seitens seiner Schüler verbessert. Hierzu gehört auch die positive Einstellung des Meisters zu seinen Schülern, so wie es in der »Ethik unserer Väter« steht (4,12): »Lass Dir die Ehre Deines Schülers so bedeutsam sein wie Deine eigene.« Weiterhin erklärt uns der Talmud, dass der große Meister Raba seinen Unterricht jeweils mit Humor begann. Der Grund war, dass dadurch die Weisheit der Schüler sich öffnen sollte und ein tiefgründiges Niveau der Teilnahme seitens der Schüler möglich wurde. Indem er zuerst ihren externen Intellekt durch Humor und Freude ansprach, wurde die Tür geöffnet, um sie zu Empfängern einer tieferen, inneren Weisheit werden zu lassen. Dies hat nicht nur einen positiven Effekt auf die Schüler, sondern wirkt auch wie eine Art Bumerang auf den Lehrer. Daran können wir erkennen, dass durch das Unterrichten seiner Schüler der Meister mehr Wissen erlangt, nicht nur hinsichtlich der Quantität, sondern auch hinsichtlich der Tiefgründigkeit.
Botschaft Auch im Hinblick auf den Schüler sind einige Bedingungen notwendig. Stichwort: Bitul – Entsagung. Oft meinen Schüler, es gehe nur darum, Wissen zu erhalten. Ein guter Schüler wird allerdings nach viel mehr suchen. Er sucht nach innerer Führung und Richtung. Ein wahrer Schüler legt nicht nur aufs Lernen und Verstehen großen Wert, sondern strebt vielmehr danach, die Botschaft zu verinnerlichen und sich persönlich auf den gelernten Inhalt einzulassen. Im Talmud steht geschrieben, basierend auf den Worten der Tora, dass Moses dem jüdischen Volk gesagt hat, dass sie nach 40 Jahren die Botschaft verinnerlicht haben müssten.
Der Schüler ist dem Meister unterworfen. Doch gleichzeitig muss er autonom seinen eigenen Intellekt benutzen, er muss seine eigene Kreativität anwenden, um das Gelernte weiterzuentwickeln. Diese zwei Elemente treffen gleichermaßen zu – die eigene Entsagung, die es dem Schüler erlaubt, ein Empfänger zu sein, und gleichzeitig der Umstand, dass von ihm erwartet wird, seinen eigenen Verstand zu benutzen.
Intellekt Dies wurde auch von einem der großen Meister unserer Generation gelehrt, von Rabbiner Menachem Schneerson, der sagte (Hitvadut 5748, S. 511): »Hinsichtlich der Verbreitung des Judentums muss der eigene Intellekt angestrengt werden, um den geeigneten Weg der Kommunikation mit anderen zu finden. Man darf kein verwöhntes Kind sein, dem alles vorgegeben wird, selbst das kleinste Detail.«
Der Schüler benutzt seinen eigenen Verstand, um das Thema zu vertiefen. Das kann dazu führen, dass er ein tieferes Verständnis der Materie hat als der Meister selbst. Allerdings basiert dieses Verständnis auf dem Fundament, welches der Meister ihm bereitet hat. Dieses Konzept wird Awodat Hatachton genannt – von unten nach oben. Dies führt dann im Laufe der Zeit dazu, dass der Schüler zum Meister für die anderen Schüler wird, eine interne Quelle und ein Licht. Allerdings darf nicht vergessen werden, dass die innere Essenz des Schülers der Meister ist. Er kann nicht vom Rahmenwerk des Meisters abweichen.
Die wichtigste Zutat der Meister-Schüler-Beziehung ist der Effekt der Kommunikation zwischen beiden. Der Meister muss ein Vorbild sein. Es gibt eine Geschichte vom Philosophen Aristoteles. Er wurde einst dabei beobachtet, wie er etwas tat, was nicht zu ihm passte. Die Schüler fragten ihn, wie er so etwas tun könne. Er antwortete, dass er in dem Moment nicht Aristoteles war. Im Judentum ist diese Herangehensweise nicht möglich. Denn der Meister muss das leben, was er unterrichtet. Das Wort Tora (Bibel) kommt von dem Wort Hor’ah, was Lektion bedeutet. Weisheit kann nur vermittelt werden, wenn sie gelebt wird.
Vor Jahren ist mir ein Satz aufgefallen, der mich persönlich sehr beeindruckt hat: »Jeder Rabbiner hat nur eine Predigt: die Art, wie er sein Leben lebt.« Wir können von heute an bis zum nächsten Rosch Haschana predigen. Aber wenn wir uns nicht so verhalten, wie wir sagen, werden wir unsere Zuhörer nicht erreichen. Die eloquentesten Redner werden es nicht schaffen, ihre Schüler zu beeindrucken, wenn die Schüler wissen, dass ihre Botschaft hohl ist und nicht durch persönliches Engagement gestützt wird. Es heißt: Niemand kümmert sich darum, wie viel sie wissen, bis sie wissen, wie viel sie sich kümmern.
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