Vorbildfunktion

Der Meisterschüler

Wie das Verhältnis von Lehrenden und Lernenden im Judentum sein soll

29.07.2010 – von Rabbiner Yehuda TeichtalRabbiner Yehuda Teichtal


Die Beziehung zwischen einem Meister und seinem Schüler unterscheidet sich im Judentum von anderen Philosophien. Wenn wir uns anschauen, was es in unserer Religion bedeutet, Meister oder Schüler zu sein, können wir dieses Konzept verstehen. Ein Weiser oder ein Gelehrter wird im Judentum »Talmid Chacham« genannt – ein weiser Schüler. Ein Weiser ist also zuallererst ein Schüler.

Im Gegensatz zum allgemeinen Verständnis, dass man erst Schüler, dann Auszubildender, später Geselle wird, um im Laufe der Zeit zum Meister zu werden, geht die jüdische Betrachtungsweise davon aus, dass man ewig ein Schüler bleibt. Der größte Vorteil eines Meisters ist, dass man von einem, der größer ist als man selbst, etwas erhält. Nicht, dass man selber Konzepte entwickelt hat, sondern dass man zuallererst etwas erhalten hat. Damit wurde man zu einer Quelle, die Kraft sammelt und von innen heraus wächst.

Bescheidenheit Hier ein Beispiel: Im Judentum gibt es das schriftliche und das mündliche Gesetz. Das schriftliche Gesetz sind die fünf Bücher Moses, das mündliche Gesetz sind die Mischna und der Talmud. Eines der Haupttraktate ist die »Ethik unserer Väter«, das mit den Worten beginnt: »Moses erhielt die Tora vom Sinai.« Diese Aussage ist scheinbar falsch, denn Moses hat die Tora nicht vom Berg erhalten, sondern vielmehr von G’tt auf dem Berg Sinai. Warum steht also geschrieben, dass er die Tora vom Berg erhalten hat? Der Midrasch erklärt uns: Als G’tt die Tora überreichen wollte, erhoben viele Berge den Anspruch, dass dies auf ihnen geschehen sollte.

Der Carmel sagte: »Ich bin der höchste«, und andere behaupteten, sie seien die schönsten. Nur ein Berg hielt sich zurück und sagte gar nichts. Dies war der Berg Sinai. Er meinte, er sei zu klein und unbedeutend, als dass G’tt ihn aussuchen würde. »G’tt wird bestimmt nicht mich erwählen, um auf mir die Tora zu überreichen.« Doch G’tt suchte eben den Berg Sinai aus, gerade weil dieser bescheiden war. Dies ist der Grund, warum in der Mischna geschrieben steht, Moses erhielt die Tora vom Berge Sinai. Es soll uns deutlich machen, dass man, wenn man ein Weiser oder ein Meister werden will, erst einmal etwas erhalten muss.

Wer war die bedeutendste Persönlichkeit im Judentum? Moses. Er führte uns aus Ägypten, teilte das Meer und gab uns die Zehn Gebote von G’tt. Dennoch erzählt uns die Tora: »Moses war der bescheidenste von allen«. Bescheidenheit ist die Voraussetzung dafür, neue Weisheit zu erlangen. Auch wenn man bedeutend und großartig ist, muss man, um Weisheit erlangen zu können, stets auf der Empfängerseite stehen. Das gilt umso mehr, wenn man lehren möchte.

Lernen Einer der größten Weisen im Judentum war Rabbi Akiwa, der im Alter von 40 zu studieren begann, und zu einem der größten Meister sowie einem der bedeutendsten Autoren der Mischna wurde. Er studierte und etablierte eine Institution der höheren Lehre mit 24.000 bedeutenden Studenten. Er sagte: »Viel habe ich von meinem Kollegen gelernt. Noch mehr habe ich von meinen Lehrern gelernt. Aber am allermeisten von meinen Schülern«.

Wie kann das sein? Sind die Schüler nicht auf der Empfängerseite, die Zuhörer und Lernenden? Wie kann es sein, dass der Meister und Lehrer den Großteil seines Wissens von seinen Schülern gelernt hat? Die Erklärung hierfür liegt im Konzept der Kabbala, und dem Unterschied zwischen dem Denken und dem Sprechen.



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