Bio-Ethik
Schöpfer spielen
Der Mensch kann jetzt künstliche Lebewesen herstellen. Aber wie soll er dieses Wissen einsetzen?
22.07.2010 – von Rabbinerin Elisa Klapheck
Mithilfe künstlich geschaffener Organismen könnten Krankheiten bekämpft und effektivere Arzneimittel hergestellt, die Welt von Energieproblemen befreit und Umweltprobleme gelöst werden. Zugleich kommen jedoch Frankenstein-Visionen auf sowie Befürchtungen, die neue Technologie könne in die Hände von Verbrecherstaaten und Terroristen gelangen.
Egal, wie weit die sogenannte synthetische Biologie in Zukunft unser Leben prägen wird, schon jetzt stellt sich die Frage, ob eine religiöse Sicht helfen kann, sie nach ethischen Gesichtspunkten treffend zu beurteilen. Bei bioethischen Herausforderungen auf dem Gebiet der Genom-Forschung gab auf jüdischer Seite stets der Begriff »Pikuach Nefesch« (Rettung von Leben) den Ton an. Hierin stimmen liberale und orthodoxe Rabbiner überein.
Maßgeblich sei das Gebot: »Bleibe nicht untätig bei der Lebensgefahr deines Nächsten« (3. Buch Moses 19,16). Wenn sie dem Heilen und Retten von Menschenleben diene, sei die Genom-Forschung zu unterstützen. Orthodox-jüdische Medizin-Ethiker entwickelten entsprechend die Halacha weiter und bewirkten manches Umdenken. So ermuntert die aufgeklärte Orthodoxie heute zu Organspenden, was zunächst eine halachische Auseinandersetzung mit der Unversehrtheit des Körpers nach dem Tod erforderte.
Paradigma Auch wenn sich Pikuach Nefesch in einen Zusammenhang mit der künstlichen Erzeugung neuer Organismen bringen lässt, reicht die Rettung von Leben als ethisches Kriterium jedoch nicht aus. Die eigentliche Herausforderung liegt nämlich nicht in den Ergebnissen der synthetischen Biologie, sondern in der neuen Rolle der Menschen als Schöpfer von bis dato ungekanntem Leben (unabhängig davon, ob damit bestehendes Leben gerettet wird). Hält man sich an Raschis Kommentar zu den Worten der Schlange, sollte man das dadurch möglich werdende neue Universum nicht vorschnell ablehnen.
Wenn man sich einen Moment vom Gebiet der Biologie löst und andere Bereiche erwägt – zum Beispiel die Schaffung von Energie aus dem Windrad, die massenhafte Informationsverbreitung durch das Internet oder die westliche Konsumkultur –, stellt man fest, dass die neuen Möglichkeiten der synthetischen Biologie nur Ausprägungen eines größeren, neuen Paradigmas sind, in dem wir schon seit Längerem leben.
Weder die Beschränkungen der Natur eines so und nicht anders gegebenen Planeten, noch die Knappheit der Ressourcen und Güter bestimmen dieses neue Paradigma, sondern unbegrenzte Vervielfältigung. Aus ganz wenigem kann heute ganz viel reproduziert werden. Jede ernst zu nehmende religiöse Ethik muss erst einmal dieses Paradigma verstehen und anerkennen, bevor sie moralische Urteile ausspricht, die dem gerecht werden können. Entscheidend an diesem Mustert ist, dass es neues Chaos und damit neue Verwirrungen stiftet.
Anwendung Seit jeher legt die jüdische Tradition ihren Schwerpunkt weniger auf den rechten Glauben als auf das konkrete Tun. Gerade deshalb könnte sie in Bezug auf die synthetische Biologie einen hilfreichen ethischen Zugang bieten. Es geht wie in den einstigen talmudischen Debatten um kein klares Ja oder Nein, sondern um Kriterien für die konkrete Anwendung der neuen Möglichkeiten. Dies erfordert allerdings eine neue Auseinandersetzung mit dem Zusammenhang zwischen Ethik und Schöpfung und der Rolle der Menschen darin. Mit dem Begriff »Verantwortung« ist dabei nicht alles gesagt, da dieser zu sehr vom Menschen und seiner Fähigkeit ausgeht, das eigene Tun kontrollieren zu können.
Zweifellos werden die neuen biosynthetisch hergestellten Organismen irgendwann ein unvorhergesehenes Eigenleben entfalten, das heute weder absehbar noch in Zukunft ganz durchschaubar ist – für das man also nicht die ganze Verantwortung übernehmen kann. Letztlich drücken die Frankenstein-Visionen diese Ahnung aus. Was nottut, ist ein neues Verhältnis der Menschen zu einer Schöpfung, die sie selbst erschaffen, über die sie jedoch nicht die ganze Kontrolle haben werden. Das verlangt, ein Maß an dynamischer Eigenständigkeit innerhalb der Schöpfung anzuerkennen, die sich nicht ausschießlich vom Menschen her erschließt.
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