Bio-Ethik

Schöpfer spielen

Der Mensch kann jetzt künstliche Lebewesen herstellen. Aber wie soll er dieses Wissen einsetzen?

22.07.2010 – von Rabbinerin Elisa KlapheckRabbinerin Elisa Klapheck


Wenn es stimmt, dass Menschen Ko-Schöpfer Gottes geworden sind, dann bereits damals im Garten Eden. Mit den Worten: »Ihr werdet gleich Gott sein« (1. Buch Moses 3,5), überredet die Schlange Eva, vom Baum der Erkenntnis zu essen. »Gleich Gott sein« – Raschi kommentiert die Formulierung als: »Ihr werdet Schöpfer von Universen sein«. Die Menschen seien nunmehr wie Gott in der Lage, neue Universen zu erschaffen. Als Reaktion fürchtet Gott um seine Vormacht: »Siehe, der Mensch ist wie einer von uns geworden« (1. Buch Moses 3,22) und vertreibt Adam und Eva aus dem Paradies. So können sie wenigstens nicht mehr vom Baum des Lebens essen, der sie unsterblich gemacht hätte. Es ist nicht ganz klar, ob die Menschen weiterhin vom Baum der Erkenntnis essen. Aber gewiss ist, dass beide Bäume verheißen, was seither menschlichen Geist umtreibt: die Schöpfung neuer Universen und das ewige Leben – und am besten das eine zur Verwirklichung des anderen.

Anders als die christliche Lehre bewertet das Judentum die Übertretung des ersten Menschenpaares nicht als eine ewig fortbestehende Menschheitsschuld. Das Essen vom Baum der Erkenntnis sei eine notwendige Tat gewesen, damit Gott in die Geschichte eintreten konnte. Sie stellte die Menschen und Gott in ein neues Verhältnis zueinander. Unter anderem musste Gott von jetzt an die Menschen als Ko-Schöpfer anerkennen und im Laufe der Geschichte immer mehr Kontrolle über seine Schöpfung an sie abgeben.

Liest man jüngste Berichte über den US-amerikanischen Biologen Craig Venter, dem es in seinem Labor gelungen ist, aus künstlich synthetisiertem Erbgut einen neuen Mikroorganismus zu erschaffen, fragt man sich jedoch, ob nicht mittlerweile die Grenze dessen überschritten ist, was Menschen als Ko-Schöpfern Gottes zusteht. Venter reduzierte die Zahl der Gene einer Bakterienzelle auf ein Minimum, ohne das sie nicht existieren kann. Danach übertrug er diese genverminderte Zelle in die Zellhülle einer anderen Bakterienart. Aus der künstlich erzeugten Synthese entstand ein neuer Organismus, der nunmehr selbstständig wächst und sich vermehrt.

Durchbruch Skeptiker spielen die als Sensation gefeierte Neuschöpfung von Leben herunter. Zu deren synthetischer Erzeugung habe es immerhin einer ersten natürlichen Zelle bedurft. Nobelpreisträger David Baltimore sagt deshalb, Venter habe kein neues Leben erfunden, »er hat es nachgemacht« (Die Zeit, 27. Mai) Befürworter hingegen feiern die Aussicht, Erbgut fortan nach eigenen Vorstellungen neu kombinieren zu können, als einen menschheitsgeschichtlichen Durchbruch. »Leben kann gemacht werden«, sagt der Bioethiker Arthur L. Caplan. »Jetzt müssen wir sehen, ob wir der Aufgabe gewachsen sind, es für humane und noble Zwecke einzusetzen.« Er und andere betonen die Chancen, die diese neue Technologie bereithalte.



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