Jubiläum
Religiöse Rührung
Vor 200 Jahren fand in Seesen der weltweit erste Reformgottesdienst statt
15.07.2010 – von Hartmut Bomhoff
Neuerungen Jacobson setzte im repräsentativen Jacobstempel in Seesen und dann auch in Kassel die Neuerungen um, die er auch schon im Schulgottesdienst seiner 1801 gegründeten »Religions- und Industrieschule« in Seesen eingerichtet hatte. Er strich nur einige Pijutim, poetische Einschaltungen aus dem Mittelalter, aus der Liturgie, behielt aber die traditionellen hebräischen Gebete unverändert bei und ließ sie mit deutschsprachigen Gebeten abwechseln; die Gottesdienstlieder sang ein Knabenchor teils auf Deutsch, teils auf Hebräisch. Vor allem machte Jacobson, der in Seesen auch die Konfirmation für jüdische Jungen und Mädchen einführte, aber die Predigt zum wesentlichen Bestandteil des Schabbatgottesdienstes. Manche Formen waren dabei aus dem deutschen Kulturprotestantismus übernommen; die christliche Reformation war für Israel Jacobson ein Beispiel für eine geglückte Emanzipation. Er ließ aber keinen Zweifel daran, dass seine Orientierung am Protestantismus ihre Grenzen hatte, und versicherte orthodoxen Kritikern: »Fern sey es, dass ich mich selbst an der Religion wie an Euch zum Verräther [mache].«
Berlin Nach dem Ende des napoleonischen Modellstaates Westphalen ging Israel Jacobson 1814 nach Berlin, wo er im Palais Itzig liberale Gottesdienste hielt, an denen bis zu 400 Beter teilnahmen. Wegen des großen Andrangs musste man schließlich in das große Haus von Jacob Beer ausweichen, das Platz für 1.000 Gottesdienstbesucher bot. Leopold Zunz beschrieb 1815, wie wirkungsvoll diese Gottesdienste waren: »Gestern oder vielmehr Sonnabend war ich in Jacobsons Synagoge. Menschen, die 20 Jahre keine Gemeinschaft mit Juden hatten, verbrachten dort den ganzen Tag: Männer, die über die religiöse Rührung schon erhaben zu sein glaubten, vergossen Tränen der Andacht; der größte Teil der jungen Leute fastete.«
Von Berlin aus machten die liberalen Gottesdienste über Hamburg, Leipzig und Frankfurt am Main in ganz Deutschland und schließlich auch in Nordamerika Schule. Als Israel Jacobson im September 1828 in Berlin gestorben war, hielt Gotthold Salomon in Hamburg eine Predigt, die mit »Der wahrhaft Fromme stirbt nicht« überschrieben war. Dass seine Reformen bis heute fortwirken, zeigt diese Woche der Besuch von Delegationen der European Union for Progressive Judaism aus London und der amerikanischen Society for Classical Reform Judaism in Seesen und Berlin.
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