Gesellschaft
Was beim Essen drin ist
Der Trend zu bewusster Ernährung zeigt interessante Parallelen zur Kaschrut
15.07.2010 – von Chajm Guski
Zertifikate Was in den Lebensmitteln, die man isst, tatsächlich steckt, ist für observante Jüdinnen und Juden keine Geschmacksfrage, sondern eine existenzielle. Darauf kommen inzwischen auch viele Nichtjuden. Bäckereiketten etwa haben ihre Produktion zentralisiert und backen ihre Waren im Ladengeschäft nur noch auf. Was in dem Brot alles drin ist und mit welchen Zutaten es gebacken wurde, ist so natürlich nicht mehr zu ermitteln. Die Verkäuferin hinter der Ladentheke kann zum Beispiel die Frage nicht beantworten, womit die Backbleche eingerieben wurden, ob es eventuell tierische Fette waren. Deshalb gibt es in Deutschland einen Verein »Slow Baking«, der das Prinzip des »Slow Food« in die Backstuben übertragen hat. In den angeschlossenen Bäckereien verwendet man keine fertigen Backmischungen mehr, sondern macht das Brot wieder vollständig selbst. Ein Experte des Verbands bestätigt dies auf einer Urkunde – sozusagen eine nichtjüdische Kaschrutzertifizierung. Ganz ähnlich ist es bei den diversen Bio-Lebensmittelsiegeln.
Nachahmung Mit nur 3.000 Jahren Verspätung haben nun also auch Teile der nichtjüdischen Welt entdeckt, dass es existenziell ist, nicht nur satt zu werden, sondern auch die Frage zu stellen, woher das, was man isst, stammt, wer es verarbeitet hat und wie es zubereitet wird. Vor allem in höher gebildeten Kreisen ist es heute in, bewusst zu essen. Paradoxerweise belächeln viele in dieser oft säkularen Schicht das Judentum wegen seiner »seltsamen« Vorschriften – und merken nicht, dass sie längst ähnliche Vorschriften eingeführt haben, nur ohne religiösen Unterbau. Das allerdings macht den wesentlichen Unterschied aus. Denn ob »Slow Food« sich wirklich durchsetzen wird oder irgendwann wieder aus der Mode kommt, weiß keiner. Die Kaschrut hingegen, als moralischer Standard einer Gemeinschaft, ist zählebig. Sie existierte schon lange vor dem aktuellen Trend. Es wird sie auch geben, wenn dieser vorbei ist.
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