Recht
Wenn Mädchen schwören
Die Tora regelt genau, wann Väter die Gelübde ihrer Töchter aufheben können
08.07.2010 – von Rabbinerin Gesa Ederberg
Volksfrömmigkeit Nicht alle zu Beginn unserer Betrachtung aufgeführten Besonderheiten dieses Abschnitts sind damit erklärt. Mit den Stichwörtern Volksfrömmigkeit und Kol Nidre haben wir auf das Verhältnis von Amcha, dem jüdischen Volk, zum Thema Nedarim verwiesen. Die Autorität der rabbinischen Führungsschicht hatte und hat nicht nur konkret mit diesen Elementen der Volksfrömmigkeit ihre Probleme, sondern wird mit dem Thema Nedarim noch in viel grundsätzlicherer Weise infrage gestellt. Das Bestreben der meisten Autoritäten, vor dem Eingehen von Nedarim zu warnen, liegt – möglicherweise unbewusst – vor allem darin begründet, dass diese das halachische System zu sprengen drohen.
Von der Tora heißt es, sie sei nicht im Himmel (»lo ba-schamajim hi«), sondern den Menschen zur Auslegung überlassen, also den Rabbinen. Mit der Tempelzerstörung ist die Prophetie, die direkte Offenbarung Gottes an einzelne Menschen, an ein Ende gekommen. So sehr die Tradition aber auch versucht hat, Nedarim zu beschränken auf das, was halachisch sowieso zulässig ist, und etwa der Chassidismus sie als legitimes Mittel betrachtet, die Gebotserfüllung zu intensivieren, wird die jüdische Tradition immer wieder grundsätzlich infrage gestellt von den direkt an Gott gerichteten, Tradition und Autoritäten umgehenden Verpflichtungen durch Gelübde und Schwüre.
Die Autorin ist Rabbinerin der Jüdischen Gemeinde zu Berlin.
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