Porträt der Woche

»Mein Leben ist ausgefüllt«

Hanni Kroh, eine Leipzigerin mit chinesischen Wurzeln, hütet Enkel und hilft Behinderten

01.07.2010 – von Steffen ReichertSteffen Reichert


Donnerstag ist Enkeltag. An diesem Tag, und bei Bedarf auch an den anderen, kümmere ich mich immer um meine vier Jungs. Zwei sind elf, und zwei sind sechs. Natürlich sind sie lieber bei der Oma. Da dürfen sie länger fernsehen und den Computer benutzen. In der Familie haben wir ein fantastisches Verhältnis, sie ist für mich der Fels in der Brandung. Ich bin stolz, dass aus allen etwas geworden ist. Meine beiden Töchter – eine ist Ärztin, eine Fachschwester für Onkologie – leben mit ihren Familien in Leipzig. Genauso wie meine drei Geschwister, zu denen ich einen ganz engen und herzlichen Kontakt pflege.

Seit einem Jahr bin ich nun, nachdem ich zuvor verkürzt gearbeitet habe, in Rente. Manche meinen ja, als 64-Jährige habe man endlos Zeit. Das ist ein absoluter Trugschluss. Zeit habe ich eigentlich nie, mein Tag ist voll verplant, und doch ist dies für mich ein erfülltes Leben. Einfach zu Hause herumzusitzen und nichts zu unternehmen, das könnte ich mir überhaupt nicht vorstellen. Dreimal die Woche gehe ich zum Sport. An der Volkshochschule nehme ich am Englischkurs teil. Zudem treffe ich regelmäßig meine Klassenkameraden und meine früheren Kollegen.

berufsleben Die letzten 15 Jahre habe ich in Leipzig ein Heim für geistig Behinderte geleitet. Als ich 1993 diese Stelle antrat, war das für mich als ausgebildete Diplommedizinpädagogin eine echte Herausforderung – mit all diesen Verwaltungsvorschriften, die ja gänzlich neu waren. Aber es war auch etwas sehr Schönes. 70 Behinderte leben in dem Heim, und wir waren wie eine Familie, in der jeder jeden braucht. Heute betreue ich ehrenamtlich noch immer einige von ihnen. Es ist ein gutes Gefühl, sich sozial engagieren zu können.

Dann ist da der Garten am Stadtrand von Leipzig, wo sich kein Halm Unkraut findet und wo ich im Häuschen bei schönem Wetter gelegentlich auch übernachte. Und wenn ich hier in meiner Wohnung bin, dann setze ich mich manchmal voller Muße ans Klavier und spiele: Sonaten, Arien, Lieder. Amazing Grace habe ich im Notenheft gerade aufgeschlagen. Ich mag das Stück. Das Klavierspielen habe ich für mich erst wiederentdeckt, als ich im Heim eins stehen sah. Nach Jahrzehnten, in denen ich nicht spielte, erinnerte ich mich, wie mich der Kantor der Gemeinde als Kind beim Chanukkafest beobachtete, als ich auf den Tasten herumklimperte. Seine Frau kaufte mir später ein Klavier und bezahlte mir zwei Jahre lang die Stunden – was für eine Großzügigkeit damals in den 50ern! Meine verwitwete Mutter, die uns vier Kinder mit 250 Mark Fürsorge im Monat und bei 53 Mark Miete durchbringen musste, hätte das ja allein nie gekonnt.



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