Fussball
Eine Mauer namens Walter
Was den Abwehrchef von Deutschlands Viertelfinal-Gegner Argentinien so besonders macht
01.07.2010 – von Martin Krauss
The Wall« wird Walter Samuel gerufen. Das hat nichts mit der phonetischen Nähe zu seinem Vornamen zu tun. Spanischsprachige Fans nennen Samuel auch »el muro«. Und das liegt an seiner Funktion im Fußball: Der Argentinier ist einer der besten Innenverteidiger, die die Fußballwelt gegenwärtig zu bieten hat. Gemeinsam mit seinem brasilianischen Kollegen Lucio hat er seinen Klub Inter Mailand in diesem Sommer zum Gewinn der Champions League geführt.
maradona Wenn der zuletzt lädierte linke Oberschenkel hält, wird sich Samuel am Samstag auch gegen Miroslav Klose, Thomas Müller und Lukas Podolski als Mauer präsentieren. Sein Trainer, die argentinische Fußballlegende Diego Armando Maradona, vertraut dem 32-Jährigen, der schon elf Jahre Nationalmannschaftskarriere hinter sich hat und den Maradona selbst ins Nationalteam zurückgeholt hat.
Im Spiel der Vorrunde gegen Südkorea, als Argentinien sich mit einem 4:1-Sieg bislang zum einzigen Mal als ernst zu nehmender Anwärter auf den WM-Titel vorstellte, verletzte sich Samuel allerdings und musste nach 23 Minuten ausgewechselt werden: Kein Muskelriss, wie zunächst befürchtet, aber doch eine schwierige Muskelverletzung im Oberschenkel. »Wir können es nicht riskieren, ihn jetzt schon einzusetzen«, sagte Maradona vor dem letzten Gruppenspiel gegen Griechenland. Und auch im Achtelfinale gegen Mexiko, das Argentinien klar, aber auch mit Hilfe umstrittener Schiedsrichterentscheidungen gewann, fehlte Samuel.
Achtelfinale Doch gegen Deutschland, so ist aus dem Lager der argentinischen Mannschaft zu vernehmen, wird Samuel wieder mitspielen: Die letzten Trainingseinheiten hat er ohne Probleme gemeinsam mit der gesamten Mannschaft absolviert. Samuel ist der letzte Jude, der bei dieser Fußball-WM in Südafrika im Turnier vertreten ist. Mit den drei Spielern Jonathan Bornstein, Benny Feilhaber und Jonathan Spector hatten die USA das größte jüdische Kontingent einer Mannschaft gestellt – doch nach ihrer Achtelfinal-Niederlage gegen Ghana sind die US-Boys aus dem Turnier ausgeschieden. Mit Vladmir Weiss jr. auf dem Platz und Vladimir Weiss sr. als Trainer an der Seitenlinie hatte die Slowakei keinen geringen jüdischen Anteil an einer der größten WM-Sensationen. Doch auch für Vater und Sohn (schon der Großvater Weiss, auch er hieß Vladimir mit Vornamen, war Nationalspieler) war nach dem Achtelfinale gegen die Niederlande Schluss. Es bleibt nur Walter Samuel übrig, geboren 1978 als Walter Adrian Lujan im argentinischen Firmat. Seinen leiblichen Vater lernte der Junge nie kennen. Als er schon als Profi spielte, nahm er den Namen seines Stiefvaters an: Samuel.
Sein Judentum bedeute ihm nicht viel, hat Walter Samuel einmal in einem Interview gesagt. Aber hinzugefügt, dass er keinen Grund sehe, sich nicht zu ihm zu bekennen. Dass das Viertelfinale gegen Deutschland am Schabbat ausgetragen wird, stört Samuel nicht: Ein Großteil der Spiele der Serie A findet auch samstagnachmittags statt. Jüdische Spieler waren im argentinischen Fußball nicht gerade prägend, aber gegeben hat es sie immer wieder: Vor vier Jahren, bei der WM, für die sich in Deutschland das Wort »Sommermärchen« eingebürgert hat, lief beispielsweise mit Juan Pablo Sorin ein jüdischer Star auf. Und betreut wurde die Mannschaft damals von José Pekerman, Weltklassetrainer – und Jude.
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