Frankfurt
Die große Unsicherheit
Euro-Krise, Schuldenberge und viel Psychologie – die Märkte sind in Aufruhr. Das hat auch Folgen für die jüdische Geschäftswelt. Zum Beispiel in Frankfurt
01.07.2010 – von Danijel Majic
Flucht »Bei solchen Krisen beobachtet man immer so etwas wie eine Flucht in die Sachwerte«, analysiert Goldberg. Dazu zählen in der Regel Rohstoffe und Edelmetalle, insbesondere Gold, aber auch Immobilien. Bei Letzteren jedoch halten sich nach der großen US-Immobilienkrise von 2007/ 2008 die Anleger weiterhin zurück. »Da hat man einfach schlechte Erfahrungen gemacht.«
B. kann davon ein Lied singen, allerdings nur anonym. Seine Branche lebt vom »Zweckoptimismus«, behauptet der Geschäftsführer einer Frankfurter Immobilienfirma, die sich auf Gewerbeflächen spezialisiert hat. Dieser Konvention muss B. sich beugen, selbst wenn er alles andere als optimistisch ist. »Wir spüren definitiv, dass der Markt eingebrochen ist«, sagt B., der auch Gemeindemitglied ist. In Frankfurt betrug im Bereich der Gewerbeimmobilien das Umsatzminus 2009 im Vergleich zum Vorjahr 93 Prozent. Die Zahl der vermieteten Gewerbeflächen ging um fast ein Drittel zurück. B. schätzt den Einbruch in seinem Marktsegment für das gesamte Rhein-Main-Gebiet auf etwa 40 Prozent.
Leerstand Das Problem ist nicht neu. Frankfurt kämpft seit Jahren mit einer hohen Leerstandsquote. 2008 schwappte die Subprime-Krise aus den USA nach Europa. Es folgten Wirtschaftsabschwung und die Kreditzurückhaltung der Banken. Vor allem Letzteres macht B. und seiner Branche zu schaffen. »Weil immer höhere Anforderungen an das Eigenkapital von Kaufinteressenten gestellt werden. Viele können das gar nicht aufbringen.« Ein Trend, von dem B. befürchtet, dass er sich im Rahmen der Euro-Krise noch verstärken könnte.
B. ist seit zwei Jahrzehnten in der Immobilienbranche tätig, die aktuelle Krise sei die stärkste, die er jemals mitmachen musste. »Bei allen anderen hatte ich das Gefühl, sie sind zyklisch. Bei der jetzigen kann ich nicht sagen, wie es weitergeht.« Nach außen hin wird von seinen Kollegen schon wieder Zuversicht verbreitet, wird eine spürbare Erholung spätestens 2012/ 2013 in Aussicht gestellt. B. jedoch bleibt skeptisch. »Solche Erklärungen sollte man lieber genauer lesen.« Ganz so negativ beurteilt Joachim Goldberg die Situation auf dem Immobilienmarkt nicht. »Für Toplagen findet man nach wie vor Käufer.«
Misstrauischer ist der Börsenpsychologe, wenn es um den Goldboom auf dem internationalen Handelsparkett geht. Am 8. Juni 2010 erreichte das Edelmetall mit 1.050,60 Euro pro Feinunze den Rekordstand seit Einführung der Gemeinschaftswährung. Vor einem Jahr lag der Preis deutlich unter 700 Euro. Goldberg beeindruckt das nicht. »Im Prinzip muss man, um mit Gold Geld zu verdienen, auf dem Höhepunkt der Krise verkaufen.«
Edelmetall Der derzeitige Run aufs Edelmetall ist für den Finanzanalysten nichts Neues. Anfang 1980 erreichte die Goldspekulation vor dem Hintergrund der islamischen Revolution im Iran und dem sowjetischen Einmarsch in Afghanistan bis dahin unbekannte Ausmaße. Der Preis hatte mit 850 Dollar je Feinunze (inflationsbereinigt rund 1.800 Euro) seinen historischen Höchststand. Später fiel er – 20 Jahre lang. »Dabei kamen danach noch einige Krisen, eigentlich hätte der Wert weiter steigen müssen«, sagt Goldberg. Das schimmernde Edelmetall als krisensichere Anlage – für den Finanzexperten ist das nicht mehr als ein Mythos.
»Man sollte die Krise nicht nur in Europa sehen«, betont Goldberg. Vielen Anlegern hingegen scheint das europäische Parkett allmählich zu rutschig zu werden. Einige richten den Blick in den Nahen Osten. »Weil Israel die Krise gut überstanden hat«, sagt Zipora Roitman, Repräsentantin der Bank Hapoalim. Das zeige sich unter anderem darin, dass der Schekel einiges gegenüber dem Euro gutgemacht habe. »Da besteht natürlich Interesse.«
Israelfonds Dass Israel im großen Maße von der Euro-Krise profitieren würde, könne man allerdings bislang nicht beobachten, berichtet Markus Ross, Vorstand des Frankfurter Vermögensverwalters Ceros. »Im Moment sind grundsätzlich alle Anlagen gefragt, die nicht an den Euro-Raum gekoppelt sind.« Allerdings stelle der jüdische Staat für viele Anleger einen zu kleinen Markt dar. »Die haben Israel gar nicht auf dem Radar. Obwohl die Performance der börsennotierten Unternehmen wirklich gut ist.«
Auf dem »Radar« der Jüdischen Gemeinde Frankfurt ist die Euro-Krise auch schon aufgetaucht, wenn sich die Auswirkungen bislang auch in Grenzen halten. »Generell bemerkt man eine gewisse Verunsicherung. Viele haben Angst vor der Zukunft, aber nicht mehr oder weniger als der Rest der Bevölkerung«, sagt das Vorstandsmitglied und Vizepräsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann. Eine Einschätzung, die von Immobilienvermittler B. geteilt wird. »Bei dem Thema sind wir keine Randgruppe.«
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