Frankfurt

Die große Unsicherheit

Euro-Krise, Schuldenberge und viel Psychologie – die Märkte sind in Aufruhr. Das hat auch Folgen für die jüdische Geschäftswelt. Zum Beispiel in Frankfurt

01.07.2010 – von Danijel MajicDanijel Majic


Wäre alles nur eine Frage der Psyche, müsste man wohl konstatieren, dass der Patient Europa Symptome einer ausgeprägten Depression zeigt: gestörtes Selbstwertgefühl, Überfixierung auf die eigenen Probleme und eine beinahe an Apathie grenzende Unfähigkeit, diese anzugehen. Auch guter Zuspruch von Politikern und optimistischen Ökonomen scheint nichts an der anhaltenden Niedergeschlagenheit des Wirtschaftsraums zu ändern. Sogar gute Konjunkturprognosen und Sonderschichten bei den Autobauern können das düstere Gesamtbild nicht groß aufhellen: Die Euro-Krise hat voll zugeschlagen, der Patient gehört auf die Couch.

Ganz so plakativ würde es Joachim Goldberg sicherlich nicht formulieren. Dass aber bei der Wahrnehmung und Bewertung der allgemein postulierten Krise der europäischen Einheitswährung – und damit des gesamten EU-Wirtschaftssystems – immer auch ein Stück weit Psychologie mit im Spiel ist, daran besteht für ihn kein Zweifel. »Nicht alles, was auf den Märkten passiert, folgt rationalen Prinzipien.«

Devisen Die Frage nach der »Berechenbarkeit« des Marktverhaltens beschäftigte den 54-jährigen Goldberg bereits früh in seiner Karriere. Ende der 70er-Jahre kam er als Bankkaufmann nach Frankfurt und widmete sich als Devisenhändler bei der Deutschen Bank der »technischen Analyse«. Diesen Ansatz verwarf er in den 90er-Jahren zugunsten der verhaltensorientierten Analyse, die eine Verquickung von Psychologie und Ökonomie versucht.

Von Brüchen gekennzeichnet ist auch Goldbergs Verhältnis zur jüdischen Gemeinde. Sein Vater überlebte die Schoa in einem Kloster in Israel, wo er zum Katholizismus konvertierte. Später kehrte er nach Deutschland zurück und wurde zu einem der Wiederbegründer der Judaistik in der Bundesrepublik. Joachim Goldberg selbst ist aus der Kirche ausgetreten. Dem Judentum fühlt er sich Nahe und ist gelegentlicher Gast des egalitären Minjans. Dort hat er die Veranstaltungsreihe »Juden & Geld« mit ins Leben gerufen hat. Sie geht der Frage nach, ob die Finanzmarktkrise mit der Befolgung halachischer Gesetze zu verhindern gewesen wäre.

psychodynamik Goldberg kennt die Wirtschaftswelt und versteht etwas von Psychodynamik, das ist sozusagen sein Kapital. Als Geschäftsführer des Frankfurter Marktanalyse-Unternehmens Cognitrend ist er darauf spezialisiert, das Geschehen auf den weltweiten Finanzmärkten nicht nur nach »nackten Zahlen« zu bewerten, sondern auch nach der Motivation der Akteure. Man könnte ihn umgangssprachlich als »Börsenpsychologen« bezeichnen. Und im Moment sieht er vor allem eines: »regelrechte Weltuntergangsszenarien«.

Gemeint sind populäre Schlagzeilen, die angesichts des griechischen Beinahebankrotts, der Abwertung Spaniens durch internationale Rating-Agenturen und den von den Mitgliedsländern angehäuften Schuldenbergen bereits das Ende der Gemeinschaftswährung prognostizieren. Sogar seriöse Medien stellen die Frage: »Ist der Euro noch zu retten?«

Goldberg sagt: »Ich sehe momentan vor allem, dass der Euro medial stark unter Beschuss steht.« Dass die Einheitswährung scheitern, gar die D-Mark wieder eingeführt werden könnte, glaubt er nicht. Die Angst aber ist da. Und das hat Folgen, insbesondere am Finanzplatz Frankfurt. Auch die jüdische Geschäftswelt bleibt davon nicht verschont.



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