Antisemitismus

Spuren des Hasses

Schweineköpfe, Glasscherben, Hakenkreuze: Manchmal hat Uwe Dziuballa die Schnauze voll. Sein Restaurant »Schalom« in Chemnitz gibt er dennoch nicht auf

17.06.2010 – von Michael KraskeMichael Kraske


Gehen oder bleiben? Als die Mauer weg war, machte er in Köln eine Ausbildung bei der Deutschen Bank, wurde abgeworben, verkaufte in New York und Miami Geldanlagen. Ihm gefiel, wie »normal egal« es war, als Jude in Amerika zu leben. Als sein Vater erkrankte, kehrte Dziuballa zurück. Kurz darauf starb der Vater, 57 Jahre alt, an Krebs. 1994 war das. »Ein Schlüsselerlebnis«, so Dziuballa. Die Brüder entdeckten den Glauben. Lars Ariel studierte bei Rabbinern in Israel. Er selbst ist nun der Familienälteste, der Tradition folgend verantwortlich für Mutter und Bruder. Sie diskutierten: bleiben oder weggehen? Sie blieben in Chemnitz, gründeten den Verein »Schalom«, hielten Vorträge in Schulen, später eröffneten sie ihr Restaurant.

Freitagmittag. In wenigen Stunden beginnt der Schabbat. Das Restaurant bleibt geschlossen. Dziuballa geht mit seiner Frau spazieren, um Ruhe zu finden. Der Bruder wird das koschere Brot backen, sie werden sich bei der Mutter treffen, gemeinsam essen, beten, singen und reden. Seit vielen Jahren machen sie das so, jeden Freitag. Ein Familienglück, das immer wieder jäh gestört wird, alle paar Tage oder Wochen.

Spuren Dziuballa wirft das großformatige Foto von dem Schweinekopf, der vor der Tür lag, auf den Tisch. »Der muss ja angefasst worden sein. Das Tier war vielleicht irgendwo registriert.« Mit dem Finger tippt er auf den blauen Davidstern, der auf die Überreste geschmiert ist. Fragt, was das wohl für eine Farbe ist. Worte stocken, bevor sie sich überschlagen. Die Ermittlungen schildert er so: Am Telefon habe ihn ein Polizist gefragt, ob er den Schweinekopf vorbeibringen könne. Nach seinem Einwand, dadurch würden Spuren zerstört, seien doch noch Beamte gekommen und hätten den Kopf mitgenommen. »Doch er ist leider nie im Kriminaltechnischen Labor angekommen«, sagt der Restaurantchef. »Mir wurde mitgeteilt, er sei in der Tierkörperverwertung gelandet und verbrannt worden. Da verliert man die Lust, neue Taten zu melden.« Polizeisprecher Fischer bestätigt: Das Schwein wurde nicht im Labor untersucht, sondern vernichtet. Der Täter hätte alle Merkmale zur Herkunft des Kadavers entfernt. Von Dziuballa erhoffe man sich »mehr Kooperationsbereitschaft«.

Das »Schalom« und sein Chef sind über Chemnitz hinaus bekannt. Bei der Kommunalwahl trat Uwe Dziuballa für die SPD an. Man könnte vermuten, das garantiere Solidarität, zumal Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig in der SPD ist. Hat die Politik ihn unterstützt? »Nichts, gar nichts kam von denen«, sagt Dziuballa. »Ich empfinde keine Wut, aber grenzenlose Ernüchterung.« Auf Veranstaltungen nehmen ihn Politiker beiseite: »Muss das denn öffentlich gemacht werden? Das wirft doch ein schlechtes Licht auf die Stadt.«

Privatmann Die Vorsitzende der jüdischen Gemeinde in Chemnitz, Ruth Röcher, sagt, bei ihnen habe es schon sehr lange keine Schmähungen mehr gegeben: »Darüber sind wir sehr froh.« Offenbar ist ein jüdischer Privatmann schutzloser als die Gemeinde. Allerdings warfen Mitte April dieses Jahres Unbekannte Steine auf die Synagoge in der Stollberger Straße. Die jahrelange Ruhe könnte trügerisch sein. Man fragt sich, warum Dziuballa weitermacht. Bis heute hat er Schäden in Höhe von 39.741,63 Euro errechnet. Nach dem letzten Übergriff organisierten Chemnitzer eine Mahnwache. Dziuballa sah in der Kälte Gäste des »Schalom« ausharren, auch Unbekannte, las auf Schildern, dass er mit dem Restaurant willkommen sei. »Ich hätte nicht gedacht, wie gut mir das tut.« Eigentlich sehnt er sich nach Normalität.

Tomatensuppe Er erzählt, wie ein Herr in seinem Restaurant eine Tomatensuppe aß. »Die jüdische Tomatensuppe ist wie die Liebe«, sagt Dziuballa, »sie fängt süß an und wird nach unten immer schärfer.« Er erkannte am Gesicht des Gastes, dass ihm die Suppe nicht schmeckte und fragte nach. Nein, nein, alles bestens, wehrte der Mann ab. Dziuballa blieb hartnäckig: Sprechen Sie bitte ganz offen. Derart ermutigt sagte der Mann: »Ich will nicht antisemitisch erscheinen, aber die Suppe hat mir nicht so geschmeckt.« Uwe Dziuballa hat ihm versichert, dass Kritik an der Pfeffermenge kein Antisemitismus sei. Der Gast kommt seitdem regelmäßig, isst aber keine Tomatensuppe mehr.

Ein glücklicher Moment wäre, wenn einer die Suppe kritisieren würde, ohne zu überlegen, wie er das dem Juden am besten sagt. Um dieser Normalität näherzukommen, macht Dziuballa weiter. Darum wird das frisch geritzte Hakenkreuz auf der Toilette überpinselt, sagt er, schließt die Eingangstür mit dem hässlichen Riss im Glas hinter sich ab und geht in den Schabbat.



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