Antisemitismus

Spuren des Hasses

Schweineköpfe, Glasscherben, Hakenkreuze: Manchmal hat Uwe Dziuballa die Schnauze voll. Sein Restaurant »Schalom« in Chemnitz gibt er dennoch nicht auf

17.06.2010 – von Michael KraskeMichael Kraske


Als Uwe Dziuballa an diesem Morgen radelnd sein Restaurant »Schalom« erreicht, erwarten ihn neue Spuren des Hasses. Glas von allen fünf Lampen liegt vor dem Eingang, die Fassungen sind herausgebrochen. Aus dem eingetretenen Briefkasten kriecht eine Urinspur, Speichel klebt an der Eingangstür. Ein älteres Paar auf dem Gehweg hält kurz inne. »Guck mal«, sagt der Herr, »das sieht ja aus wie im Saustall.« Dann wechseln beide die Straßenseite. Uwe Dziuballa, 45, beugt den wuchtigen Körper über einen Tisch in seinem Restaurant, der Plauderton wird scharf. Geschämt habe er sich, sagt er. Dann bricht es aus ihm heraus: »Ich stand da und hatte die Schnauze voll.« Er wiederholt das zwei Mal. »Ich war genervter als bei den vier Reifen, die sie am Lieferwagen zerstochen hatten. Genervter als bei dem Schweinekopf, der vor der Tür lag.« Er habe wieder mal den Herrn vom Staatsschutz angerufen. Der sei dann auch gekommen und habe Fotos gemacht. Einen Koffer zur Spurensicherung habe er nicht dabeigehabt. »Da war Urin und Spucke. Aber wenn man Spuren nicht sicherstellt, kann man auch keine auswerten.« Dziuballa lacht bitter. Die Polizei erklärt, Flaschenscherben seien zur Beweissicherung mitgenommen worden.

Schmierereien Der Gastronom hat eine Leidenschaft für Zahlen. Über vieles führt er Statistik, es ist seine Art, die Welt zu begreifen. In zehn Jahren hat er 77.918 Gäste im Restaurant gezählt, das er mit seinem Bruder Lars Ariel betreibt. Und 35.900 gegrillte Hühnerbrüste, mehr als 82.400 geöffnete Kronkorken sowie 385 Kulturveranstaltungen. Und er hat in dieser Zeit 1.492 Drohanrufe gezählt. Manchmal hört er am Telefon nur den Atem oder eine Stimme sagt: »Wir wissen, wo du wohnst. Du wirst nicht mehr lange leben. Verschwindet! Jude verrecke!« Im Briefkasten fand er Schreiben mit Hakenkreuz und Reichsadler. »Judentum ist keine Religion, sondern ein Verbrechen«, steht auf einem Papier ohne Absender. Ein »Patriot, Chemnitz« dichtet: »Mach auf die Tür und rude, werft raus das Übel Jude!« Anfangs habe er der Polizei alles gemeldet, so Dziuballa – Anrufe, zerstochene Reifen, rausgerissene Blumen, Schmierereien. Er zeigt Fotos. Die Schreiben vom Staatsanwalt kennt er auswendig: Das Ermittlungsverfahren wird eingestellt, weil der Täter bisher nicht gefunden werden konnte. Dann hat er eine Weile nichts mehr gemeldet. Jetzt wieder. Die Polizei sagt, das »Schalom« sei »präventiv besonders im Blick«. Verhindern konnte sie die vielen Übergriffe aber nicht.

Partisan In Karl-Marx-Stadt geboren, verbrachte Uwe Dziuballa seine Kindheit mit den Eltern in Belgrad. Im Fernsehen liefen Heldengeschichten über Partisanen, mit den Jungs spielte er Krieg. Er war acht oder neun Jahre alt, als er seinem Vater stolz vom Sieg über die feindliche Partisanen-Bande berichtete. »Papa«, sagte er, »ich bin jetzt Obersturmbannführer.« Das Wort hatte er aufgeschnappt. Ohne zu wissen, dass es einen Rang der SS bezeichnet. Als er es aussprach, schlug der Vater zu, Uwe stürzte, der Vater lief weinend weg. Sein Triumph, der Schlag, die Tränen. Der Junge verstand gar nichts. Danach wurde er in die Familiengeschichte eingeweiht. Er erfuhr, dass sein Großvater mit 27 Jahren erschlagen, viele Verwandte ermordet worden waren: »Zwei Tage später wurde ich Partisanen-Kommandant.«
Das Judentum lernte er kennen, Geschichten über Israel und die Kibbuz-Bewegung. Aber religiös war der Mann, der heute eine Kippa trägt, lange nicht. In der DDR studierte er Elektrotechnik.



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