Mission
Mit aller Gewalt
Die Aktivisten der »Gaza-Flotte« wollten die Blockade durchbrechen – und kalkulierten Opfer mit ein
03.06.2010 – von Pierre Heumann
Zement Am Montagmorgen, noch vor Sonnenaufgang, werden die Aktivisten über Lautsprecher aufgefordert, sich zu ergeben. Das Angebot: Die mitgeführte Ladung – darunter Zement, Baumaterial, Rollstühle und Wasserreiniger – würde im Hafen von Aschdod gelöscht und danach mit Hilfe eines Lastwagenkonvois nach Gaza transportiert werden – zumindest diejenigen Dinge, bei denen Israel kein Veto einlege. Doch die Kapitäne der Flottille wollen davon nichts wissen. Sie halten am Ziel fest, die Waren direkt nach Gaza zu bringen. In internationalen Gewässern wollen sie von niemandem Befehle entgegennehmen. Aus israelischer Sicht präsentiert sich die juristische Lage anders: Mit Gaza ist man im Krieg, und im Krieg gelten andere Gesetze.
Um vier Uhr morgens erhalten israelische Elitetruppen den Befehl, sich der Schiffe auf hoher See zu bemächtigen. Drei Hubschrauber, von denen sich Soldaten auf die Flotte abseilen sollen, kreisen über den Booten. Die Truppen haben sich auf den Einsatz vorbereitet. Doch die Informationen, die sie vorab über die Reisenden erhalten haben, erweisen sich als falsch. Aufgrund der vorliegenden Geheimdienstangaben rechnen sie damit, dass die Passagiere höchstens passiven Widerstand leisten werden. Es sei zwar eine komplexe Sache, aber es sollte nicht allzu schwierig werden, meinte ein ehemaliger Navy-Kommandant wenige Stunden vor der Aktion. Die Truppen würden die Schiffe gewaltlos vom Gaza-Kurs abbringen können.
Molotowcocktails Auf das, was auf dem größten Schiff der Flotte, der »Mavi Marmara«, auf sie zukommt, sind die Truppen deshalb nicht gefasst. Straßenkämpfer, mit langen Messern, Molotowcocktails, Baseballschlägern oder Schlagstöcken bewaffnet, erwarten sie. Es folgen schwere Kampfhandlungen. »Die Soldaten hatten das Gefühl«, sagt später ein Armeesprecher, »lebensgefährlich bedroht zu sein. Deshalb setzten sie ihre Waffen ein.« Bei den Scharmützeln werden mindestens neun pro-palästinensische Aktivisten getötet, Dutzende von Passagieren verletzt, ebenso mehrere israelische Soldaten. Die Nachrichten über die Vorgänge sind widersprüchlich. Ein Video der israelischen Armee zeigt, wie Soldaten, die sich von Hubschraubern abseilen, mit Stöcken angegriffen werden. Die hätten lediglich der Selbstverteidigung gedient, widersprechen Aktivisten.
In der Folge ist Israel, wie bereits nach den Libanon- und Gazakriegen, weltweit mit dem Vorwurf konfrontiert, beim Einsatz gegen die Flotte mit unverhältnismäßig viel Gewalt vorgegangen zu sein. Besonders laut protestiert die Türkei. Anti-israelische Politik ebenso wie ein anti-westlicher Kurs sind jetzt ein integraler Bestandteil der türkischen Strategie, um im Mittleren Osten mehr Gewicht zu bekomen. Ankara nähert sich deshalb nicht nur Damaskus und Teheran an, sondern unterstützt auch die Gaza-Flotte, um bei der arabischen Bevölkerung zu punkten. Derweil bereitet die IHH von der Türkei aus den nächsten Konvoi nach Gaza vor.
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