Hautfarbe
Dunkle Schönheit
Hat Mirjam sich rassistisch über ihre Schwägerin Zippora geäußert, oder war sie neidisch?
27.05.2010 – von Chajm Guski
Wir wissen aus der Tora einiges über Mosche, und zahlreiche Geschichten sind uns aus den Midraschim bekannt. Dieser Mann, der für das Judentum eine zentrale Figur ist, war auch für weniger observante Juden eine Herausforderung. Denken wir etwa an Sigmund Freuds Werk Der Mann Moses und die monotheistische Religion.
Viele Dinge sind allgemein bekannt und fast schon sprichwörtlich geworden. Etwa, dass Mosche einen Sprachfehler hatte, oder dass Mosche »nach draußen« geheiratet hat: Zippora, die Tochter des Priesters von Midian. Im letzten Drittel unseres Wochenabschnitts begegnen wir allerdings einigen interessanten Details, die weniger zum Allgemeinwissen über Mosche gehören.
Traum Aber zunächst erfahren wir, eher indirekt, etwas über Mirjam und Aharon. Und über diesen Umweg, eher nebenbei, auch etwas Wesentliches über Mosche. Gehen wir aber zunächst zu den Details, die wir in Kapitel 12 über Aharon und Mirjam erfahren. Dort wird berichtet, dass Aharon und Mirjam als Propheten galten. Allerdings unterscheiden sie sich wesentlich von Mosche. Denn während G’tt zu ihnen lediglich im Traum sprach (12,6), redete er mit Mosche »peh el peh«, von Mund zu Mund. Das wird hervorgehoben, weil das Gespräch von Mirjam und Aharon anscheinend Mosches besondere Autorität infrage stellt: »Hat der Ewige nur mit Mosche allein geredet? Hat er nicht auch mit uns geredet? Und der Ewige hörte es« (12,2).
Dies ist aber nur der zweite Teil einer kurzen Unterhaltung, die wir durchaus als Polemik deuten können, denn in Vers 1 geht es um Mosches Frau. Wir erfahren, dass Mirjam mit Mosches Wahl nicht einverstanden war, jedenfalls kann man es so deuten: »Es redete Mirjam mit Aharon über Mosche wegen der kuschitischen Frau, die er genommen hatte; denn er hatte eine kuschitische Frau genommen.«
Zippora Wir schauen zurück und erinnern uns, wen Mosche zur Frau nahm: Zippora, die Tochter Jitros. Doch sie waren Midianiter und stammten nicht aus dem Lande Kusch. In der Tora wird Kusch als der erste Sohn von Cham bezeichnet und das entsprechende Land traditionell in Afrika verortet. Das würde bedeuten, wir sprechen über eine Frau mit schwarzer Hautfarbe. Bei Jirmejahu wird das ebenfalls gestützt, denn dort heißt es: »Kann ein Kuschite seine Hautfarbe ändern, oder ein Leopard seine Flecken?« (Jirmejahu 13,23). Die Septuaginta, die erste jüdische Übersetzung der Tora ins Griechische, von der es heißt, 72 jüdische Gelehrte hätten sie in Alexandria in 72 Tagen angefertigt, überträgt »Kusch« durchgehend mit »Äthiopien«. »Kuschim« ist im modernen Hebräisch zudem der Sammelbegriff für Afrikaner. Einzig bei Chabakuk (3,7) könnte damit jedoch auch ein midianitischer Stamm gemeint sein. Die Faktenlage ist also: Mosche hatte eine Frau von schwarzer Hautfarbe.
Diese kurze Erwähnung in der Tora sorgte für eine Vielzahl von Erklärungsversuchen, weil diese Tatsache zuvor nicht genannt wird. Eine recht beliebte Variante ist, dass Zippora hier als kuschitische Frau bezeichnet wird, obwohl sie keine ist. Rabbi Eleasar ben Jehuda ben Kalonymos aus Worms (1176–1238) erklärt in einem Kommentar, Zipporas Vater sei zwar Jitro aus Midian gewesen, doch ihre Mutter war eine Frau aus dem Land Kusch. Aber: Wird im Judentum die »Stammeszugehörigkeit« nicht über den Vater weitergegeben?
Teint Raschi (1040–1105) schreibt in seinem Torakommentar, dass niemand anderes als Zippora gemeint sein könnte. »Kuschitisch« bedeute lediglich, dass sie be- sonders schön gewesen sei. »Kuschit« habe den gleichen numerischen Wert wie die Wendung »Jefat Mareh – schöne Erscheinung«, nämlich 736. Der aramäische Targum Onkelos übersetzt wenig umständlich gleich mit »schön«.
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