Kriegsende

180 weiße Zeichen auf grauem Asphalt

In Hamburg will das Graffiti-Projekt Fußnote* an Alltag und Schrecken im Nationalsozialismus erinnern

12.05.2010 – von Nina SchulzNina Schulz


Sie sind auf dem Rathausmarkt. Auf den Landungsbrücken vor dem Museumsschiff Rickmer Rickmers. Auf der Reeperbahn vor dem Penny Markt und der Polizeistation Davidwache. 180 Zeichen weißer Sprühfarbe besetzen seit Anfang Mai den Asphalt der Hansestadt Hamburg. 1,50 mal einen Meter sind die Graffitis groß. An 33 Orten soll so die Komplexität des Alltags im Nationalsozialismus vermittelt werden. Das ist Ziel des Projekts Fußnote* und sein zeitlicher Bezugspunkt der 8. Mai 1945, Tag des Kriegsendes.

»Uns geht es darum, noch nicht gekennzeichnete Orte in der Stadt zu markieren und die vielschichtigen Dimensionen der NS-Geschichte sichtbar zu machen«, sagt Christiane Hess. Die Doktorandin der Geschichtswissenschaften ist eine von sieben Personen, die das Projekt Fußnote* initiiert haben. »Wenn wir über die vielschichtigen Dimensionen von Täterschaft, Beteiligung, Widerstand, Gewalt und Ausgrenzung reden, geht es uns darum zu personalisieren und individuelle Geschichten zu erzählen.« So schildert die Fußnote* vor dem Pennymarkt auf der Reeperbahn den Selbstmord des Antifaschisten Albert Bennies. Vor dem Lokal »Alkazar« hatte er sich vor einen Bus geworfen, um der Gestapo zu entgehen.

dreiecke Das Projekt konzentriert sich nicht nur auf Verfolgungsgeschichten, sondern berücksichtigt zudem die Gleichzeitigkeit von Realitäten: der Heraufbeschwörung der Volksgemeinschaft ebenso wie der Situation von Zwangsarbeitern. So lassen die Fußnoten* Erinnerungsdreiecke wie dieses entstehen: In der Nähe des Schanzenviertels wird an das Zwangsarbeiterlager in der Schilleroper erinnert, in dem von 1943 bis Anfang 1945 italienische Kriegsgefangene interniert waren. 650 Meter weiter südlich findet sich ein Hinweis auf das ehemalige Freizeitheim der Hitlerjugend am Neuen Pferdemarkt. Diese Fußnote soll darauf aufmerksam machen, dass zahlreiche Jugendliche bis zuletzt an die Nazi-Ideologie glaubten. Zwei Minuten östlich wird über den ehemaligen Gefechtsturm an der Feldstraße informiert. Der Bunker für 18.000 Menschen wurde von Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen errichtet, nutzen durften sie ihn nicht.

Das Konzept, temporäre Zeichen im öffentlichen Raum zu setzen, stammt vom Projekt IN SITU aus Linz in Österreich. Dort wurden im vergangenen Jahr 65 Orte des nationalsozialistischen Terrors markiert. Auch die Fußnoten konzentrieren sich auf das »Prinzip der leisen Wirksamkeit«. Es gehe darum, relativ stille Geschichten zu erzählen, die aber in ihrer Dichte und in ihrem Zusammenhang funktionieren, sagt Andreas Ehresmann, einer der Initiatoren der Fußnoten*. Gleichzeitig betont der Architekt und Doktorand der Geschichtswissenschaft: »Das Temporäre ist uns wichtig. Gedenktafeln haben eher den Charakter eines Denkmals, und Denkmäler verschwinden aus der öffentlichen Wahrnehmung. Dieses Verschwinden wollten wir zum Prinzip erheben. Deshalb die Graffitischablonen als Markierungen.



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