Südafrika

Die Freiheit der anderen

Denis Goldberg verbrachte 22 Jahre in den Gefängnissen des Apartheidregimes. Bis heute setzt sich der weiße Mitstreiter Nelson Mandelas für die Rechte der Schwarzen ein

12.05.2010 – von Annette LübbersAnnette Lübbers


Die schönsten Träume von Freiheit werden im Kerker geträumt.« Dieses Schiller-Zitat könnte auch von Denis Goldberg stammen. Denn er hat 22 Jahre seines Lebens hinter Gittern verbracht. Dabei war die Freiheit, von der er träumte, nicht einmal seine eigene. Als Jude mit weißer Hautfarbe genoss er in seinem Heimatland alle bürgerlichen Privilegien. Unfrei, das waren die anderen. Seine Mitbürgerinnen und Mitbürger, deren Haut nicht weiß, sondern schwarz war. Für ihre Freiheit ging er erst auf die Straße – und dann ins Gefängnis.

apartheid Denis Goldberg hat es sich auf dem Sofa in der Wohnung eines Freundes in Wuppertal gemütlich gemacht. Gerade ist die deutsche Ausgabe seiner Autobiografie Der Auftrag – Ein Leben für die Freiheit in Südafrika erschienen. Er ist auf Lesereise in Deutschland unterwegs, um in Schulen, Universitäten und anderen Bildungseinrichtungen über die Erfahrungen mit dem Apartheidregime zu sprechen. Mit seinen 76 Jahren bewegt er sich ein wenig schwerfällig, aber noch immer strahlt er Energie und Überzeugungskraft aus. Die kleinen Augen unter den buschigen Brauen fixieren ihr Gegenüber aufmerksam. Goldberg erzählt seine Geschichte nicht zum ersten Mal und macht dennoch den Eindruck, als könnte er sie mit ungebrochener Begeisterung wieder und wieder schildern. Denn an ihrem Ende steht ein Tag, den er niemals vergessen wird. Ein Tag, der sein Heimatland für immer veränderte: Am 10. Mai 1994 wurde Denis Goldbergs Freund Nelson Mandela als erster schwarzer Präsident Südafrikas vereidigt. Die Apartheid-Politik, unter der die Schwarzen so viele Jahre gelitten hatten, gehörte endgültig der Vergangenheit an.

menschenwürde Denis Goldberg, am 11. April 1933 in Kapstadt als Sohn jüdischer Einwanderer geboren, wird säkular und sozialistischen Idealen folgend erzogen. In seinem Zuhause gehen alle ein und aus, Weiße, Schwarze, Farbige. »In unserer Familie habe ich früh gelernt, dass die Würde aller Menschen zu achten ist. Meine Mutter legte Wert darauf, jedem Besucher mit Respekt und Höflichkeit zu begegnen. Die letzte Kartoffel war immer für den Gast«, sagt Denis Goldberg lächelnd und lehnt sich versonnen zurück.

Der Junge wird in einem Arbeitervorort groß. Seine Familie ist arm, aber verglichen mit der schwarzen Bevölkerungsmehrheit führt sie ein gutes Leben. Bereits als junger Mann bekommt Goldberg Verbindung zum ANC, dem Afrikanischen Nationalkongress. Mit 16 Jahren beginnt er ein Studium zum Bauingenieur. »Ein hartes Stück Arbeit. Ich hatte kaum Zeit für etwas anderes«, erinnert er sich. Als er mit 20 Jahren ernsthaft im ANC mitarbeiten will, erfährt er, dass einige von dessen Mitgliedern die Familie schon seit Längerem beobachten. »Die wollten natürlich wissen, ob ich vertrauenswürdig und verlässlich sein würde.«

massaker Sieben Jahre später wird der grenzenlose Optimist Goldberg auf grausame Weise mit der politischen Realität seines Landes konfrontiert. Am 21. März 1960 gehen 50 Kilometer südlich von Johannesburg etwa 20.000 Menschen auf die Straße, um friedlich gegen diskriminierende Passgesetze des Apartheidsystems zu demonstrieren. 69 Schwarze, darunter Frauen und Kinder, werden von den Sicherheitskräften rücklings erschossen, es gibt 180 Verletzte. Nach dem sogenannten Massaker von Sharpeville wird auch Denis Goldberg als Folge des Zusammenstoßes von Polizei und Demonstranten zum ersten Mal ins Gefängnis gesteckt – er kommt vorübergehend in Beugehaft. »Daran habe ich keine guten Erinnerungen. Weiße Aktivisten waren dem Personal besonders verhasst.« Für sie ist er ein Verräter.



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