Kunst

Das nackte Elend

Mut zur Hässlichkeit: Lucian Freud im Pariser Centre Pompidou

12.05.2010 – von Rudij BergmannRudij Bergmann


Exhibitionismus Lucian Freud steht in der langen Tradition der europäischen Kunstgeschichte. Gelb-Grau-Braun sind die von ihm bevorzugen Farben, aus denen er seine Figuren destilliert. Und bei denen des Mannes ganze Herrlichkeit nicht selten wie ein vertrocknetes, abgebrochenes Geäst wirkt. Details lassen sich nur schwer unterscheiden. Die Farbschicht wird zur Speckschicht und umgekehrt. Dem prallen Leben ist die Vergänglichkeit mit eingemalt. Bei aller Übersteigerung der menschlichen Anatomie, keine nach Affekten haschende Deformationen. Manchen gilt Lucian Freud, der zu den bedeutenden figurativen Malern der Gegenwart zählt, als Zyniker, der sich an seinem Bildpersonal austobt und den Körper nur als Fortpflanzungsinstrument definiert. Doch bei allen gemalten Grausamkeiten haben seine Figuren etwas Melancholisches. Aber auch etwas Kolossales. Wie jener Männerakt von 1995, präsentiert, als wäre er ein römischer Gladiator – Malerei als Skulptur.

Im Selbstporträt »Painter Working« von 1993, Freud ist da gut siebzig Jahre alt, mag man jenen ihm unterstellen Hang zum Exhibitionismus erkennen. Nackt bis auf die übergroßen Schuhe, in denen sich gut und trotzig aufstampfen lässt. Eine pastose, zerfressene, erdige Malerei. Lucian Freud aufrecht stehend, gerüstet mit Pinsel und Palette zum letzten Malgefecht. Oder kehrt er hier schon aus der verlorenen Schlacht zurück? Freuds malerischen Exhibitionismus als Selbsthass zu definieren, sei der nun allgemein oder speziell jüdisch, lässt sich aus den in Paris gezeigten Bildern nicht begründen. Eher schon (s)ein Zivilisationsekel, der Teil der Moderne ist, aber im Gegensatz zu deren blindem Fortschrittsglauben steht.

Lucian Freud: L’Atelier. Centre Pompidou, Paris, bis 18. Juli
www.centrepompidou.fr



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