Gespräch
»Große Ideen machen verklemmt«
Der Schriftsteller Robert Menasse über Humor, Sex und verlorene 68er-Illusionen
12.05.2010 – von Philipp Engel
Gegen Ihre These spricht, dass es in der deutschen Gegenwartsliteratur vornehmlich jüdische Autoren sind, die gelungen, also unverkrampft, über Sex schreiben.
Als Phänomen hat mich das immer verwundert. Deutsche Dichter können bei Beschreibungen der Natur, von Kleinbürgerleben oder Künstlerexistenz sprachlich unglaublich kreativ werden. Schreiben sie aber über Sex, greifen sie auf die billigsten Schundroman-Phrasen zurück. Erst kürzlich habe ich bei einem berühmten deutschen Romancier gelesen: »Ich nahm sie mit kräftigen Stößen von hinten.« Das ist peinlich. Grässlich! Da ist mir der gut essende Henryk Broder viel sympathischer. Vielleicht sind jüdische Autoren einfach misstrauischer gegenüber den herrschenden Klischees – sie haben ja auch mehr Grund dazu. Als Schriftsteller sollte man nicht mit sexueller Potenz protzen, sondern der Wahrheit verpflichtet sein, also mit sexuellen Schwächen und Sehnsüchten umgehen und fixe Ideen infrage stellen.
Diesem Anspruch werden Sie oder Leon de Winter literarisch gerecht. In Ihren Büchern ist Sex oftmals Ausdruck einer existenziellen Leere und Verzweiflung.
Ja, aber diese Leere und Verzweiflung hat nicht allein mit Sex zu tun. Sind Sie sexbesessen? Haben Sie kein anderes Thema? Das ist doch ein Systemfehler unseres Lebens insgesamt! Auch wenn ich mich besonders für Uhren interessiere oder mir Glück von modischem Outfit erwarte oder das schönste Lebensgefühl durch Autos – so kann mich doch keine Eroberung befriedigen. Immer fehlt etwas. Immer war mehr versprochen. Das wollen wir haben. Darum führt Konsum zum Wiederholungszwang. Auch beim Sex. Das Problem ist ja nicht, dass wir jeden Tag aufs Neue unsere Grundbedürfnisse befriedigen müssen, sondern dass der Grund nicht trägt, wenn wir unsere Bedürfnisse befriedigt haben. Tragisch ist, wenn wir unsere Bedürfnisse nicht befriedigen können. Tragikomisch ist, wenn wir unbefriedigt sind, nachdem wir unsere Bedürfnisse befriedigt haben.
Das sagen Sie als 68er? Ihre Generation hatte doch die befreite Sexualität auf ihre Fahnen geschrieben.
Die »sexuelle Revolution« hat gesellschaftliche Sphären enttabuisiert, in die dann nur das Kapital lustvoll eingedrungen ist. Aber jeden Einzelnen hat sie erst recht verklemmt, so wie große fixe Ideen grundsätzlich etwas Verklemmendes haben. Man muss sich nur daran erinnern: Der Anspruch war ja, durch die sexuelle Befreiung die Gesellschaft als ganze zu befreien. Unter der Größe und dem Gewicht dieses Anspruchs ist damals, glaube ich, jedes denkende Gemüt zusammengebrochen. Man ist im Bett gelegen und hat sich nicht gefragt: Was macht uns Spaß? Oder wie kann ich mein Begehren nach diesem einen Menschen ausdrücken? Sondern: Wieso bin ich so ein schlechter Revolutionär?
Wie sind Sie damals mit diesem Dilemma umgegangen?
Gar nicht. Oder hilflos. Ich hatte tatsächlich geglaubt, die sexuelle Revolution könne das heilen, was Wilhelm Reich »die emotionale Pest« nannte, also die seelische Kultur, auf der Patriarchat, Repression und Faschismus wachsen. Es war furchtbar: Wir haben miteinander in Seminaren und Arbeitskreisen über Sexualtheorien diskutiert – und wenn ich ein besonders betörendes Referat gehalten hatte und daraufhin mit einer attraktiven Genossin im Bett landete, dann konnte ich nur ein neues Referat darüber halten, warum es nicht so funktionierte, wie wir uns das vorgestellt hatten. Allerdings waren das schon die Ausläufer in den bekanntlich dogmatischen 70er-Jahren. Im Jahr 1968 selbst war ich erst 14 Jahre alt, lebte in einem staatlichen Internat, das hätte sich genauso gut auf dem Mars befinden können, so wenig hatte es mit dem Leben draußen zu tun. Da herrschten die archetypischen und nicht die zeitgeistigen Gesetze.
Welche Gesetze waren das?
Die Gesetze eines geschlossenen autoritären Systems. Da gab es keine »Welt«. Oder nur karikaturhaft. Infolge der spärlichen Informationen, die hereindrangen, galt es schon als aufsässig, wenn die Haare ein bisschen über die Ohren gingen und der Nacken nicht ausrasiert war. Ein Mitschüler hatte Platten von den Beatles. Aber Plattenspieler waren verboten. Er hielt die Platten an sein Ohr und drehte sie, mit verzücktem Gesicht. Ich saß neben ihm auf dem Bett und beneidete ihn. Die symbolischen Handlungen gegen ein faschistisches System haben immer etwas Heiliges und zugleich Lächerliches. Das Lächerliche ist ja die größte Demütigung, zu der man, bevor es unmittelbar mörderisch wird, von autoritären Systemen gezwungen wird.
Beim Stichwort Internat assoziiert man zurzeit automatisch sexuellen Missbrauch. Ist Ihnen das auch passiert?
Nein. Von den Erziehern nicht. Aber ich finde, dass der Missbrauch zur Befriedigung ihrer sexuellen Sublimierungen, wie Machtrausch oder Gottähnlichkeitsgefühl, völlig ausreicht. Soll ich dankbar sein, weil ich ein autoritäres System ohne sexuelle Übergriffe kennengelernt habe? Man hat, wenn man da rauskommt, garantiert ein gebrochenes Verhältnis zur Sexualität, wodurch dann der Anspruch der sexuellen Befreiung erst recht plausibel wird. Aber irgendwann merkt man: Es ist die ewig glühende Scham wegen all dem, was man erlebt und getan hat, die dir die neurotische Energie gibt für den Kampf um gesellschaftliche Vernunft, pathetisch gesagt. Und der Blick auf das Komische: die Platte, die stumm am Ohr gedreht wird – und man weiß, was gespielt wird!
Das Gespräch führte Philipp Engel.
Anzeige
Meistgelesen im Ressort
Fotostrecken
Unser Blog aus Israel
Piraten
Jüdischer Staat
Wetter











