Gespräch
»Große Ideen machen verklemmt«
Der Schriftsteller Robert Menasse über Humor, Sex und verlorene 68er-Illusionen
12.05.2010 – von Philipp Engel
Herr Menasse, was ist das Besondere am jüdischen Humor?
Was sollte sein das Besondere am jüdischen Humor? (lacht)
Zum Beispiel Fragen grundsätzlich mit einer Gegenfrage zu beantworten?
Vielleicht, ja. Im Ernst: Ich kenne keine allgemeingültige Definition von jüdischem Humor, nicht einmal eine von Humor überhaupt, aber ich erkenne Menschen, die Humor haben. Das sind die, die ein befreiendes Lachen, zumindest Schmunzeln, auslösen können, jedoch auch eine bestimmte hell-heitere Rührung, wie ein Lichtstrahl in einem finsteren Keller. Man sieht plötzlich beglückt das Licht, aber dadurch auch genauer das, was im Finsteren liegt. Das kann freiwillig sein, spielerisch oder unfreiwillig, wie erzwungene Notwehr.
Fangen wir mit freiwilligem Humor an. Hätten Sie dafür ein Beispiel?
Gern. Meine Großeltern waren völlig assimilierte Wiener Juden. Sie befolgten natürlich keine jüdischen Riten mehr. Dennoch oder deswegen wurden banalste Alltagshandlungen spielerisch-witzig ritualisiert, und diese Rituale warfen ein komisches Licht auf die zurückgelassenen Riten. Mein Großvater hat zum Frühstück nichts mehr geliebt als gebratenen Schinken mit Ei. Meine Oma fragte Opa jeden Morgen, und das über 50 Jahre lang: »Richard, was möchtest du haben zum Frühstück?« Und er: »Dolly, du weißt doch: Schinken mit Ei.« Woraufhin sie ihm die Ham & Eggs zubereitete und sagte: »Hier hast du deinen Gefillte Fisch!« Beide waren, wie gesagt, vollkommen assimiliert, dennoch war meiner Großmutter der Schinken nicht geheuer. Mit diesem ritualisierten Witz hat sie das ausgedrückt.
Und was kennzeichnet den unfreiwilligen jüdischen Humor ?
Noch ein Beispiel aus unserer Familie: Mein Großvater ging, als Juden bereits den Stern tragen mussten, ohne Stern auf den Fußballplatz, weil er seine geliebte »Vienna« spielen sehen wollte. Er wurde auf der Tribüne von jemandem erkannt und gefragt: »Herr Menasse, was sehe ich? Sie kommen ohne Stern auf den Fußballplatz?« Und Opa: »Wie kann ich der Herr Menasse sein, wenn ich ohne Stern auf den Fußballplatz komme?« Als er heimkam, war Oma naturgemäß völlig aufgelöst: »Richard! Wie kannst du ohne Stern auf den Fußballplatz gehen?« Und Opa: »Weil ich mit Stern nicht auf den Fußballplatz gehen kann!« Man möchte weinen. Aber weil man dabei auch schmunzelt, ist es Humor, Notwehr-Humor.
Die beiden Anekdoten deuten an, dass der jüdische Humor immer mit Widersprüchen spielt.
Ja, aber dieser Aspekt alleine ist noch nicht jüdisch. Im Grunde hält doch jeder Mensch einen Luftballon in der Hand, auf dem steht »Bedeutung« oder »Sinn« oder nur »Sehnsucht«, und zugleich hat er eine Eisenkugel am Fußgelenk, auf der steht »Alltag« oder »Täglicher Irrsinn«.
Und spezifisch jüdisch wäre …?
… vielleicht die umgekehrte Antwort oder eine ganz andere immer auch zumindest für möglich zu halten, da vorher noch so viel geklärt werden müsste. Der Anspruch des Klärens ist die tiefste Wurzel auch meines Selbstverständnisses und meines Umgangs mit der Welt – und führt immer wieder zu einem Funkenflug des Tragikomischen. Und dazu muss ich selbst gar nicht weiter meine Jüdischkeit reflektieren. Letztlich genügt ebendieses Selbstverständnis, um das Klischee des Kulturjuden oder Feuilletonjuden zu bestätigen.
Reden wir über ein weiteres Klischee. Gibt es jüdischen Sex, wie Henryk M. Broder kürzlich im ZEIT-Magazin behauptete?
Herr Broder kann sogar erklären, was jüdischer Sex ist?
Er ist der Meinung, dass das Jüdische am Sex ist, wenn man über Sex redet. Und dass er persönlich immer öfter von gutem Essen statt von Sex träumt.
Damit gibt Broder nur sein Alter bekannt. Typisch jüdisch ist das jedoch nicht. Ich glaube auch nicht, dass es einen spezifischen Umgang mit Sex in einem assimilierten jüdischen Elternhaus gibt. Man kann vielleicht sagen, dass Jugendliche in jüdischen Familien heute in Europa nicht in erster Linie jüdische, sondern besser gebildete Jugendliche sind. Und in gebildeten Familien gibt es eine aufgeklärtere Pädagogik – auch in Hinblick auf Sexualität.
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