Essen

»Wir wollen unsere Offenheit zeigen«

Ein Gespräch mit Edna Brocke über das neue Konzept der Alten Synagoge Essen

12.05.2010 – von Heide SobotkaHeide Sobotka


Frau Brocke, der Innenraum der »Alten Synagoge« erstrahlt in einem Hauch von Apricot, ist das diesem Gebäude als Mahn- und Gedenkstätte angemessen?
Ja, denn die Alte Synagoge Essen ist schon seit 1995 keine Gedenkstätte im engeren Sinn mehr. Unser neues Konzept setzt im Gegenteil auf Öffnung und Begegnung. Das können die Farben bekunden und natürlich unsere Ausstellungsschwerpunkte. Bisher hatten wir zwei Ausstellungen, die sich nur auf die zwölf Jahre des Nationalsozialismus fokussierten. Jetzt bieten wir fünf Themenbereiche an.

Welche sind das?
Der erste Bereich ist ein Klassiker, der in jedem jüdischen Museum zu erwarten ist: Quellen jüdischer Tradition mit Torarollen und Erklärungen zum jüdischen Kalender oder jüdischer Geschichte. Dann dokumentieren wir auf der ehemaligen Orgelempore die Geschichte des Gebäudes. Daran schließt sich das Infozentrum mit sechs Computern an, über die Fotomaterial und Dokumente abrufbar sind, und an denen man sein Interesse vertiefen kann. Ein dritter Raum – die Frauenempore, thematisiert sechs wichtige jüdische Feiertage. Schließlich kommt der Teil der Ausstellung, der uns am meisten am Herzen liegt: »the jewish way of life«. Hier geht es sehr interaktiv zu. Der Besucher kann vieles spielerisch erkunden und erfährt auf eine manchmal überraschende Art und Weise, dass Judentum viel mehr ist als nur eine Religion oder das, was nach 1945 über die Medien transportiert wird: wie der alte Mann mit Schläfenlocken. Ganz oben auf dem Mezzanin, einem Zwischengeschoss gegenüber der Orgelempore, erzählen wir dann die Geschichte der Essener Gemeinde von den ersten Dokumenten aus dem Jahr 1291 bis 1959, als die Nachkriegsgemeinde ihre neue Synagoge in der Sedanstraße eröffnet hat.

Warum bleibt die heutige Gemeinde außen vor?
Die aktuelle Gemeinde sollte sich selbst dokumentieren. Das hat auch was mit unserem Status zu tun. Die Jüdische Kultusgemeinde Essen ist eine Körperschaft des öffentlichen Rechts. Dort findet liturgisches und kultisches jüdisches Leben statt. Wir sind eine Art »Museum« und ein Begegnungszentrum und gehören zum Kulturdezernat der Stadt Essen.

Gehört auch der neu gestaltete Vorplatz zum Konzept der Öffnung?
Absolut. Unmittelbar nach dem Krieg hatte man aus unerfindlichen Gründen den gesamten Vorhof der Synagoge abgerissen, eine hohe Mauer davor gebaut und darauf einen sehr bildprägenden Sarkophag aufgestellt. Diese Bebauung vermittelte die Botschaft: »Kommt bloß nicht rein!« Die Mauer ist nun weggenommen worden, der Sarkophag wird als Teil der Ausstellung im Rabbinergarten aufgestellt. Statt der Mauer öffnet sich jetzt eine einladende Treppe zum kleinen Platz hin, der schon jetzt nach dem nichtjüdischen Architekten der heutigen »Alten Synagoge« (1911–1913) Edmund Körner benannt ist. Die dort aufgestellten Steinbänke laden zum Verweilen und Nachdenken ein.

Gab es Gegner, die die Neuausrichtung nicht guthießen?
Es gab eigentlich nur Bedenken wegen der hohen Investitionen damals. Die ersten Schritte habe ich ja 1993 unternommen.

Wie finanzieren Sie den Umbau?
Das Land NRW hat über die Städtebauförderung 80 Prozent übernommen. Die Stadt Essen muss nichts zahlen, da ihre 20 Prozent durch den Vorstand der Stiftung »Alte Synagoge« eingeworben wurden. Insgesamt hat die Stiftung 1,4 Millionen Euro an Spenden erhalten. Gesamt belaufen sich die Kosten auf 7,4 Millionen Euro. Bei der Eröffnung am 13. Juli wird das angrenzende ehemalige Rabbinerhaus – das die Alte Synagoge nicht mitnutzen wird – noch eine Baustelle sein.


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