Erziehung

Schwere Geschichten für kleine Leute

Eine junge Lehrerin entwickelt ein Konzept zur Vermittlung der Schoa an Grundschulen

12.05.2010 – von Angelika CalmezAngelika Calmez


Dass der Unterricht über die Schoa auch Überlebende einbezieht, hält Monica Kingreen für elementar. Sie ist Mitarbeiterin des »Pädagogischen Zentrums« in Frankfurt, das im Auftrag des Jüdischen Museums und des Fritz-Bauer-Instituts zur Erforschung von Geschichte und Wirkung des Holocausts neue Konzepte zum Thema NS-Verfolgung erarbeitet. Sie hat den Kinderstadtführer mit Anmerkungen für den Unterricht versehen und herausgegeben.

Verständnis Sind Grundschulkinder wirklich in der Lage, die Schoa zu begreifen? Viermal wurde Marion Imperatori als Stadtführerin angefragt. Sie selbst findet das enttäuschend wenig. Den Grund sieht sie aber weniger in der Scheu mancher Pädagogen vor dem Thema, sondern im Zeitmangel. Der Lehrplan für die vierte Klasse sieht zwar die Lokalgeschichte vor. Jüdisches Leben oder NS-Verfolgung sind aber zusätzlicher Stoff.

Für Grundschulen gebe es keine Systematik, wie das Thema nationalsozialistische Judenverfolgung vermittelt werden könne, erklärt Isabel Enzenbach. Sie forscht am Berliner Institut für Antisemitismusforschung aktuell über dieses Thema. »Durch Gedenkkultur, Medien, Familiengedächtnis und durch den Rechtsextremismus« dränge die Erinnerung an die NS-Zeit in die Lebenswelt von Kindern. Dass diese mit dem Thema überfordert seien, schließt die Wissenschaftlerin aus.

Eine Umfrage in jüdischen Grundschulen scheint dies zu bestätigen. Wichtig sei das gemeinsame Begehen von Gedenktagen wie Jom Haschoa. Alle vier befragten Schulen berühren die Zeit der Vernichtung im Unterricht, wenn auch auf schonende Weise für die Schüler. »Sie dürfen erzählen: Wen haben sie verloren, welche Verwandten«, sagt Lea Wolff, Lehrerin an der Frankfurter I.-E.-Lichtigfeld-Schule.

Noga Hartmann, Leiterin der Berliner Heinz-Galinski-Schule, spricht mit Grundschülern nicht über die Vernichtung, sondern über Hass und grundlose Verfolgung. Wichtig ist ihr auch, dass es Menschen gab, die Juden geholfen haben, »und dass wir auch so sein sollen. Keine Mitläufer.«

fortbildung Geschichten von Familien, von denen mindestens ein Mitglied überlebt hat, sucht Natascha Knoll aus, die die Düsseldorfer Yitzak-Rabin-Schule leitet: »Wir versuchen, Hoffnung mit reinzubringen.« An ihrer Schule setzen Deutsch-, Sachkunde- und Religionslehrer in der vierten Klasse einen gemeinsamen, mehrwöchigen Schwerpunkt. Wie hoch der Bedarf an Konzepten und Material noch ist, zeigt die Begeisterung Noga Hartmanns über eine Schulleiter-Fortbildung in der Gedenkstätte Yad Vashem: »Es gab so viel Input, historisch und pädagogisch«, freut sie sich. Ein Konzept wie das von Marion Imperatori wäre auch für jüdische Schulen geeignet.



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