Erziehung

Schwere Geschichten für kleine Leute

Eine junge Lehrerin entwickelt ein Konzept zur Vermittlung der Schoa an Grundschulen

12.05.2010 – von Angelika CalmezAngelika Calmez


Heute ist es ungemütlich kalt in Langen. Mitten im Ballungsraum Rhein-Main lärmt der Durchgangsverkehr. In den 70er-Jahren hat die Verwaltung zwei hässliche Hochhäuser mitten ins Stadtzentrum geklotzt. Doch ein paar Meter weiter säumen Fachwerkhäuschen die Ränder der kleinen Seitenstraßen. Marion Imperatori deutet auf ein unrenoviertes Haus direkt neben der Stadtkirche. »Das ist das Haus der Familie Kahn. Der Vater war Metzger und der Sohn Bernhard Kahn ging nach Frankfurt und lernte dort Fußballvereine kennen. Nach seiner Rückkehr beschloss er, andere fußballbegeisterte Männer zu suchen und gründete den 1. FC Langen«.

Die dunkelhaarige Frau klappt ein leuchtend blaues, dickes Heft auf und deutet auf ein Schwarz-Weiß-Foto: Um 1930 sah das Haus irgendwie schöner aus. Wer mit der angehenden Grundschullehrerin einen Stadtrundgang macht, lernt viele Kinder und Familien aus dem Jahr 1930 kennen. Neben den Kahns zum Beispiel das Schulmädchen Trude oder die Bürstenmacherin Selma. Ihre Geschichten hat Marion Imperatori erforscht und niedergeschrieben: Als die Kinder in Langen samstags zur Synagoge gingen, heißt ihr Kinderstadtführer für den Grundschulunterricht. Sie hat ihn als Examensarbeit verfasst und damit ein neuartiges Konzept entwickelt. Es ermöglicht Grundschulpädagogen, das Thema Schoa ab der vierten Klasse kindgerecht umzusetzen.

lebenswelten Problematisch sei, dass die Schulbücher jüdisches Leben ausschließlich anhand der Verfolgung thematisierten, findet die angehende Pädagogin. Juden würden so auf eine Opferrolle reduziert. Das sei nicht nur historisch falsch, sondern auch pädagogisch unsinnig: »Opfer sind nicht sympathisch, man möchte sich nicht mit ihnen identifizieren«, erläutert sie. »Ich versuche, den Schülern den Alltag zu zeigen und möchte ihnen positive Aspekte vermitteln.«

Wolfgang Geiger, Jurymitglied des Leo-Baeck-Programms »Jüdisches Leben in Deutschland – Schule und Fortbildung«, teilt Imperatoris Kritik. Die Vermischung von jüdischem Leben, Antisemitismus und Verfolgung lasse jüdische Geschichte als Vorgeschichte des Holocausts erscheinen. Als negative Konsequenz beobachtet der Geschichtslehrer ein »Verfolgungsparadigma« in den Köpfen seiner Schüler.

Bei dem Rundgang, den Schüler real oder anhand des Buchs im Klassenzimmer unternehmen, tauchen die Viertklässler zunächst in die gemeinsame Lebenswelt jüdischer und nichtjüdischer Menschen ein. Der Clou: Die nahezu ausschließlich nichtjüdischen Kinder erfahren erst im Laufe der Zeitreise, dass ihre Freunde von 1930 Juden sind. So machen die Schüler zunächst die Erfahrung des Gemeinsamen, bevor die NS-Verfolgung sie voneinander trennt.

Vor allem treten jüdische Menschen als individuelle, lebensbejahende und gleichwertige Personen auf. »Jüdisch sein heißt so viel mehr, als Opfer des Nationalsozialismus zu sein«, sagt Marion Imperatori. Bei ihrem Rundgang nutzt sie das Denkmal für die ehemalige Synagoge in Langen, um über jüdische Feste und Gebräuche zu sprechen. Hier endet der Rundgang für die Kinder. Wie es nach Hitlers Machtergreifung für die jüdischen Familien weiter- geht, erfahren die Schüler erst, wenn sei wieder zurück im Klassenzimmer sind.

kindgerecht Im zweiten Teil des Buches geht es um die allmähliche Ausgrenzung und Deportation, wohlgemerkt nicht der »Juden«, sondern der »jüdischen Deutschen«. Keine Nazidiktionen, kindgerechte Sprache, das waren Marion Imperatoris Leitgedanken. Ihr Buch erzählt das Schicksal der Toten wie der Überlebenden. Trude wanderte in die USA aus und besuchte Langen in den 80er-Jahren. Für sie ist ein Stolperstein in den Gehweg eingelassen.



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