Noachs Arche

Entdeckung am Ararat

Was Forscher suchen und wie jüdische Gelehrte die biblische Geschichte deuten

06.05.2010 – von Chajm GuskiChajm Guski


Suche Vom Altertum bis in die heutige Zeit ist die Liste der Suchenden enorm lang. In erster Linie haben sich reiche Hobbyarchäologen der Suche verschrieben. Eines fällt jedoch auf: Juden sind kaum darunter. Juden haben die Geschichte von Noach und seiner Arche in erster Linie als Geschichte verstanden und sich darum gekümmert, was man aus ihr lernen kann. Sie stellen Noach ins Zentrum des Denkens und nicht seine Arche, die nur ein Werkzeug war. Die Aufmerksamkeit gebührt der Figur Noach, die in ihrer Zeit ein gerechter Mensch war. Umgeben von Schlechtigkeit und einer vollkommen gesetzlosen Gesellschaft, war er wohl ein Mann, der da herausstach. Vielleicht aber, gemessen mit späteren Generationen, auch kein vollkommen perfekter »Gerechter«.

Rabbiner Elijahu Kitov (1912–1976) schreibt in seinem Sefer haParschijot, dass wir von Noach lernen, dass jede Generation nach der Zeit und den Umständen beurteilt werden solle, in der sie lebte. Diese Aussage macht die Geschichte zu einem kraftvollen Schlüsseltext und nicht die historischen Verweise.

geschichte Weil dies dem Judentum schon immer klar war – es mag Ausnahmen gegeben haben und Strömungen geben, die auch die Schöpfungsgeschichte wörtlich nehmen –, wirbelte auch eine ähnliche babylonische Geschichte nicht sonderlich viel Staub auf. In dieser beschließen die babylonischen Götter, eine Flut auf die Erde zu schicken. Einer der Götter jedoch verrät das Vorhaben seinem Lieblingsmenschen Utnapischtim und gebietet ihm, ein Schiff zu bauen. Nach Abschluss der Arbeiten bringt Utnapischtim seine Familie, seine Habe und seine Tiere hinein. Dann beginnt ein furchtbarer Sturm und eine Flut, welche die ganze Menschheit vernichtet. Nach sieben Tagen sendet er eine Taube aus, dann einen Raben und nachdem er sicher ist, dass die Flut vorüber ist, öffnet er das Schiff und entsteigt ihm. Anschließend opfert er seinen Göttern.

Die Ähnlichkeiten sind frappierend, aber nicht schockierend für das Judentum. Vielmehr konzentriere man sich auf die Unterschiede zwischen den Geschichten. Auf der einen Seite stehen eine Schar von Göttern die aus einer Laune heraus beschließt, die Menschheit zu vernichten, und Utnapischtim, der gewissermaßen Glück hatte. Auf der anderen Seite steht ein G’tt, der möchte, dass zwischen den Menschen Gerechtigkeit herrscht und denjenigen errettet, der diese Gerechtigkeit begründen kann. Käme übrigens jemand auf die Idee, das Boot von Utnapischtim zu suchen?

Etwas anderes – erschreckend Aktuelles – teilt die Geschichte uns mit: Der Mensch kann die Erde zerstören! Zwar handelt hier G’tt, aber die Schuld ist allein bei den Menschen zu suchen. Sie haben die Gesellschaft an einen Punkt gebracht, der die Zerstörung unabwendbar machte. Wie wir gesehen haben, sagt die Geschichte aber auch, dass man nicht über besondere moralische Kapazitäten verfügen muss, um in seiner Generation Gutes tun zu können. Wir müssen die Arche nicht berühren können, um diese Nachricht zu verstehen. Es würde den »Wahrheitsgehalt« der Tora nicht schmälern. Es ändert praktisch nichts an unserer Wahrnehmung der Tora.

Motivation Gruppen, die nach der Arche suchen, wollen ihren Anhängern zeigen, dass sie im Recht sind und die Bibel so zu lesen ist, wie sie es tun. »Ich kenne keine Expedition, die jemals aufbrach, um die Arche zu finden und sie nicht gefunden hat«, sagt Paul Zimansky, Archäologe an der Stony-Brook-Universität und Experte für den Nahen Osten der amerikanischen Ausgabe des National-Geographic-Magazins. Die Absicht und die Emsigkeit, mit der ausgerechnet nach der Arche gesucht wird, zeigt, dass das Bedürfnis nach einem Beweis für die wörtliche Auslegung der Bibel groß ist. Die Suchenden meinen damit beweisen zu können, dass ihre Ablehnung der aktuellen geologischen und biologischen Kenntnisse damit untermauert werden könnte, und investieren daher auch erhebliche finanzielle Mittel in diese Expeditionen. Geld, dass man vermutlich gut brauchen könnte bei dem, was die Tora und damit auch eine Schrift die ihnen heilig ist, von uns allen fordert: den Aufbau einer gerechten Gesellschaft.



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