Debatte

Müssen Schüler Gedenkstätten besuchen?

Erinnerung ist verpflichtend, sagt Michael Fürst. Zwang zur Aufarbeitung schadet, meint Alexander Beribes

29.04.2010

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Pro
Es ist eine bekannte Haltung unter Schülern: »Viermal haben wir den Holocaust schon in der Schule durchgenommen, überall müssen wir hin, ätzend, Alter! Ich weiß doch alles: Sechs Millionen Juden haben die Nazis umgebracht. Wenn ich jetzt noch so einen Ausflug nach Bergen-Belsen machen muss, erfahre ich auch nicht mehr.« Ja, so oder ähnlich wären die Reaktionen. Oder?

Seit das neue Dokumentationszentrum in Bergen-Belsen im Spätherbst 2007 eröffnet wurde, steigt die Besucherzahl stetig. Fast 1.000 Menschen kommen täglich und knapp zwei Drittel von ihnen sind Jugendliche. Sie sagen: Wir wollen Verantwortung für unsere eigene Zukunft übernehmen, weil die Geschichte des Nationalsozialismus eben nicht nach 1945 endet.

Einmaleins Die authentischen Stimmen der Überlebenden werden rar. Tausende von ihnen haben ihre Erinnerungen der Nachwelt hinterlassen, im Film oder auf Tonband. Eindringlich schildern sie, was ihnen widerfahren ist. Und deshalb gibt es keine Alternative zu einem Pflichtbesuch in einer Gedenkstätte – zu einer im Lehrplan für jede Schulform vorgeschriebenen Fahrt auf Kosten des Staates. Das Wissen um den Völkermord an den Juden, die Ermordung anderer Volksgruppen wie den Sinti und Roma, der Homosexuellen, Mitglieder der Bekennenden Kirche und Widerständler ist bei uns authentisch zu erfahren, wir müssen unser Wissen nicht nur aus Fotos und sonstigen Dokumenten herleiten. Wir haben die originären Schauplätze des Völkermordes vor der Tür. Diese besonderen Möglichkeiten müssen wir im Sinne unserer Kinder nutzen und noch erweitern. Lernen wir freiwillig das Einmaleins und das ABC? Erfahren wir alles über Römer und Griechen nur, weil es uns Spaß macht?

Unterricht Unsere Spaßgesellschaft hört da auf, wo es um die Ermordung von sechs Millionen Juden geht. Mehr noch: Es geht darum, Kindern und Jugendlichen die Werte für die Zukunft zu vermitteln – und das mit wahren Beispielen an authentischen Orten. Nicht nur über das Schulbuch und durch Lehrer, die meinen, das Thema sei überholt, es gäbe Wichtigeres als den Holocaust – wie die Griechen und die Römer. Ich will damit nicht den Geschichtsunterricht am Pult ersetzen, aber zwingend ergänzen. Jede Zeit braucht ihren Unterricht und ihre Methoden.

Die wenigen Zeitzeugen werden in nicht allzu langer Zeit durch die Dokumente an den authentischen Orten ersetzt werden, und diese sind nachhaltiger als jedes Geschichtsbuch. Die Überlebenden fordern deshalb zu Recht: »Ihr dürft die Erinnerung, die wir euch überlassen haben, nicht im Archiv begraben. Ihr müsst sie an die Menschen herantragen. Und an die jungen Menschen weitergeben.«

Michael Fürst ist Rechtsanwalt und Vorsitzender
des Landesverbandes der Jüdischen Gemeinden
von Niedersachsen.

Contra
Erzwungene Vergangenheitsbewältigung als Pflicht deutscher Schüler? Ist dies das lang ersehnte Patentrezept gegen Rassismus, Antisemitismus und Diskriminierung? Nein, zunächst gilt es moralisch zu hinterfragen, ob die erste Begegnung eines Schülers mit der NS-Vergangenheit im Rahmen einer erzwungene Kollektivmaßnahme stattfinden oder eher auf freiwilliger, persönlicher Entscheidung beruhen sollte. Durch Pflicht begäbe man sich schnell in Gefahr, Gedenkstättenbesuche als »notwendiges Übel« in das Schulsystem zu integrieren.

Schon aus psychologischer Sicht wären Pflichtbesuche höchst problematisch. Wer daran glaubt, dass dadurch Einsicht erreicht werde, hat zwar ein positives Menschenbild, liegt damit jedoch fernab der Realität. Routinierte Gedenkstättenbesuche können wegen der noch nicht gefestigten Psyche vieler Jugendlicher ins Gegenteil umschlagen und zu einer regelrechten Abneigung gegen die Erinnerung an den Holocaust führen.


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