Präsenz

Sichtschutz

Warum sich der Ewige Mosche am Berg Sinai nur von hinten zeigt

01.04.2010 – von Chajm GuskiChajm Guski


Möglicherweise ist Mosche mit Israel am gleichen Punkt angelangt. Auch Israel baute vor unserem Wochenabschnitt etwas Erlebbares, etwas zum Anfassen. Mosche bittet G’tt darum, Ihn sehen zu dürfen, bekommt jedoch nur Seine Rückseite zu Gesicht. Das soll uns sagen: Mosche darf Dinge erfahren, die G’tt getan hat, aber er darf Ihn nicht wirklich sehen. Tatsächlich können wir G’ttes Präsenz nicht von Angesicht zu Angesicht sehen, schon gar nicht intellektuell ertragen. Was wir sehen können, ist der Weg, den G’tt uns aufgezeigt hat, und Sein Wirken, an das wir uns zu Pessach und allen anderen Festtagen erinnern.

Götzen Auf der Suche nach Sicherheit bieten sich jedoch auch immer wieder Götzen an. Dabei müssen diese nicht einmal tatsächliche Götzenbilder sein. An die Stelle von G’tt können alle möglichen Dinge rücken, denen wir einen besonderen Platz in unserem Leben einräumen. Es geschieht schneller, als wir gemeinhin annehmen.

Selbst Religion, ja auch das Judentum, kann an die Stelle G’ttes treten. Es gibt unbestritten diejenigen, denen beispielsweise Ritus über alles geht und die sich ausschließlich mit derartigen Fragen beschäftigen – auf der anderen Seite aber Dinge vernachlässigen, die G’tt uns durch die Tora mitgeteilt hat: Den Aufbau einer Welt, in der alle das Privileg der Freiheit haben, eine Welt ohne Götzendienst, die sich an Werten orientiert.

Am Sederabend heißt es, jeder solle sich betrachten, als sei er selbst aus Ägypten hinausgezogen. Es heißt nicht, wir sollen eine möglichst vollständige wissenschaftliche Abhandlung darüber lesen. Viel über jemanden zu wissen, heißt noch nicht, dass wir eine Beziehung zu ihm haben. So ist es auch mit der Tora und dem Pfad, den G’tt vorgegeben hat. Wir können ihn studieren, aber wir können ihn auch nachvollziehen.

Theorie und Praxis gehören zusammen. Zu den Wallfahrtsfesten sollen wir drei Mal im Jahr nach Jerusalem hinaufsteigen, heißt es in den letzten Zeilen unseres Abschnitts. Wir bewegen uns also auf G’tt zu. Der Schabbat hingegen, die Braut, die wir am Freitagabend begrüßen, kommt zu uns, wir verneigen uns symbolisch vor ihr. Und am Schabbat Chol haMoed ist es so, dass wir uns praktisch aufeinander zu bewegen. Es ist also kein Zufall, dass genau dieser Toraabschnitt zu dieser Gelegenheit gelesen wird.

Der Autor ist Mitglied der Jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen und Begründer des egalitären Minjans Etz Ami im Ruhrgebiet.



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