Kino

Ende des Verdrängens

Der Film »La Rafle« trägt in Frankreich zur Aufarbeitung der Vergangenheit bei

25.03.2010 – von Tilman VogtTilman Vogt

Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Frankreich ist zurzeit Schauplatz eines eigentümlichen Reklamefeldzugs: Von Werbeflächen prangen Filmplakate mit einem großen Hakenkreuz, das den Himmel über Paris verdunkelt. Der Trailer des gepriesenen Streifens La Rafle (Die Razzia) wirbt mit siebenstelligen Besucherzahlen. Viele, die den Film gesehen haben, berichten unter Tränen von ihrer Erschütterung und der Wichtigkeit des Gesehenen.

Selten hat es in den vergangenen Jahren in der Grande Nation so viel Aufregung um einen Film gegeben. Das verwundert kaum. Denn viele Sondersendungen im Fernsehen und Radio begleiten das Kinoereignis, das mit einem Staraufgebot eine der dunkelsten Episoden der französischen Kollaboration zeigt: die Massenverhaftung von rund 13.000 überwiegend nach Frankreich geflüchteten Juden im Juli 1942.

Erinnerung Mehr als die Hälfte von ihnen wurde ohne Verpflegung und Zugang zu sanitären Einrichtungen über fünf Tage mitten in Paris in der mittlerweile abgerissenen Radsporthalle »Vel d’Hiv« eingesperrt. Danach kamen sie in ein Durchgangslager, bevor sie schließlich nach Auschwitz deportiert wurden. Einschneidend für die aktuell aufflammende französische Erinnerungskultur ist dabei, dass der Befehl der deutschen Besatzer von französischen Polizisten mit perfidem Eifer ausgeführt wurde. Einem Eifer, der dem der Deutschen in vielem nicht nachstand.

Der Film rekonstruiert diese Erschütterung des französischen Selbstverständnisses gleichermaßen faktentreu und emotional. Der Regisseurin Roselyne Bosch war daran gelegen, einen gerade für Jugendliche ansprechenden Film zu drehen, der pädagogisch eingesetzt werden kann. Dies ist ihr gelungen, indem sie eindringlich den Hergang und die Atmosphäre nachzeichnet und hohes Identifikationspotenzial bietet. So wird die aufwühlende Geschichte aus der Perspektive des elfjährigen Jo Weismann erzählt, dem als einem der wenigen später die Flucht aus einem Durchgangslager gelingen sollte.

KITSCH Unterdessen bemängeln nahezu alle Kritiker, dass dabei ein kitschiges Historiendrama herausgekommen sei, weshalb auch die Kennzeichnung einer Schindlers Liste à la française öfters zu hören war. Dem wird von Fürsprechern wie dem französischen Philosophen Bernard-Henri Lévy entgegengehalten, dass schon die massenkompatible Thematisierung und die gesellschaftliche Debatte Existenzberechtigung genug seien. Als Beispiel nannte er die Ausstrahlung der Serie Holocaust Ende der 70er-Jahre in Deutschland.

Freilich ist zu fragen, ob Razzia und Kollaboration wirklich einen solch blinden Fleck darstellen, wie es der Film suggeriert: Gleich zu Beginn wird mit enthüllendem Pathos eingeblendet, alle dargestellten Ereignisse hätten sich tatsächlich zugetragen. Dass La Rafle hier mit einem Tabubruch kokettiert, ist schon dadurch zu erahnen, dass eine inhaltliche Auseinandersetzung fehlt. Denn als wohlbekannter Skandal ohne Skandal bewegt sich der Film lediglich in der Nachhut eines Diskurses, den ein französischer Präsident vor einigen Jahren in den nationalen Erinnerungskanon gehoben hat.

Es war Jacques Chirac, der 1995 als eine der ersten Amtshandlungen die peinliche Verweigerung seines mit Kollaborationskreisen verbandelten Vorgängers François Mitterrand beendete. Erst seitdem bekennt Frankreich sich zur Mitschuld an der Verfolgung der Juden. Noch 1992 hatte Mitterand gesagt, Frankreich hätte nichts gutzumachen, da in der betreffenden Zeit keine Republik existiert habe. Eine solche Einschätzung des damaligen Präsidenten erinnert nicht von ungefähr an die Selbstentlastung der DDR als »antifaschistischer Staat«.


Auf facebook teilen Auf twitter teilen Auf google+ teilen per E-Mail schicken

Fotostrecken

Unser Blog aus Israel

Jubiläum

70 Jahre Jüdische Allgemeine – zum Dossier

70 Jahre
Jüdische Allgemeine

Zum Dossier

BDS

BDS-Bewegung – zum Dossier

Boycott Divestment Sanctions

Zum Dossier

Wahlen USA

Amerika im Wahlfieber – zum Dossier

8. November 2016

Zum Dossier

Wieso Weshalb Warum

Religiöse Bräuche und Begriffe

mehr…

Sprachgeschichte(n)

Über die Herkunft gängiger Wörter wie Pleite, Knast und Polente

mehr…

Anzeige

Gottesdienste

Gottesdienste in den Jüdischen Gemeinden

Glossar

Glossar

Gemeinden

Juedische Gemeinden

Service

Service

Wetter

Wetter - Sommer
Berlin
19°C
wolkig
Frankfurt
22°C
heiter
Tel Aviv
31°C
heiter
New York
22°C
heiter
Zitat der Woche
»Menschen jüdischer Glaubensrichtung«
Die Berliner Piratenpartei erklärt in ihrem Programm, mit wem sie in
ihrem Kampf gegen Antisemitismus solidarisch ist.