Geschichte

»Hitler hätte gewinnen können«

Der Historiker Mark Mazower beschreibt das Dritte Reich als europäisches Imperium

18.03.2010 – von Rüdiger SuchslandRüdiger Suchsland

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Wie erklären Sie die NS-Politik gegenüber den Juden?
Aus reiner Machtpolitik. Goebbels wollte die Ermordung der Juden, weil er daran glaubte. Aber Himmler war dafür, weil ihm das Möglichkeiten gab, die eigene Organisation aufzubauen. Die »Judenfrage« war ein europäisches Thema. Wer hier voranging und die Kontrolle an sich riss, der hatte automatisch europaweite, alle Grenzen überschreitende Verantwortung und entsprechende Organisationsstrukturen. Das Innenministerium hatte das nicht. Außen- und Propagandaministerium hatten das, aber nur in klar umrissenen, engen Grenzen. Darum war die »Judenfrage« auch für Heydrich so wichtig. Nicht, weil ihn das Morden selbst interessierte, sondern weil er damit die SS als europaweite Organisation etablieren konnte. Weil er durch die Judenpolitik Herrschaft über sämtliche besetzte Gebiete erringen konnte. Diese Gelegenheit sah er und griff zu. Manche der größten Täter der Vernichtungspolitik taten, was sie taten, aus reinen machttaktischen Überlegungen.

Sie beschreiben gewisse Kontinuitäten zwischen dem Denken der NS-Elite und den deutschen, vor allem westdeutschen, Eliten der Nachkriegszeit. Welche?
Einige wichtige Wirtschaftsführer der Bundesrepublik hatten bereits herausragende Positionen im Dritten Reich, etwa Hermann Josef Abs oder der Bundesbankpräsident Karl Blessing. Da gibt es extreme Kontinuitäten. Zumal der Wegfall der politischen Herrschaft der Nazis es für die Wirtschaftsmanager paradoxerweise einfacher machte, beim Aufbau der grenzüberschreitenden Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft mitzuwirken.

Gibt es eine Kontinuität im technokratischen Denken? Hat Albert Speer also den Krieg gewonnen?
Den technokratischen Blick hatte Speer. Aber man darf Speer nicht darauf reduzieren. Er hatte auch seine eigenen politischen Vorstellungen und Überzeugungen – obwohl die gewiss anpassungsfähiger waren als die mancher anderer. Die Geschichte der Kontinuitäten ist immer aufregend. Andererseits ist sie auch gefährlich. Eine ideologische Kontinuität lässt sich nicht finden. Was man findet: Das Gespräch führte Die technokratische Perspektive. Aber die ist nicht alles.

Das Gespräch führte Rüdiger Suchsland.

Mark Mazower: Hitlers Imperium. Europa unter der Herrschaft des Nationalsozialismus. C.H. Beck, München 2009, 704 S., 34 €


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