Russland

Die große Unbekannte

Wie viele Juden leben in Putins Imperium? Schätzungen gehen weit auseinander

11.03.2010 – von Anna RudnitskayaAnna Rudnitskaya


Rückkehrgesetz Bei der israelischen Botschaft in Moskau heißt es, man wisse nur über diejenigen Bescheid, die gemäß den israelischen Rückkehrgesetzen die Voraussetzungen für die Alija erfüllen. Nach diesen Kriterien ist jeder, der einen jüdischen Großelternteil hat, zur Einwanderung berechtigt. Nach Angaben von Botschaftssprecher Alex Goldman-Shaiman geht die israelische Organisation Nativ, die sich um Fragen der Alija in der ehemaligen Sowjetunion kümmert, davon aus, dass 530.000 russische Staatsbürger die Alija-Kriterien erfüllen. Wie viele davon halachisch jüdisch sind, ist unbekannt.

Mark Tolts, Demograf an der Hebräischen Universität in Jerusalem und Verfasser einer Enzyklopädie der Juden in Osteuropa, schätzt, dass nicht mehr als rund 255.000 Juden in Russland leben. Seine Zahlen basieren auf den Ergebnissen der Volkszählung. »Wenn Sie von einer Million Juden sprechen, möchte ich die Methode sehen, mit der Sie sie gezählt haben«, sagt Tolts. »Angesichts der Tatsache, dass die sogenannte Mischehe bei den Juden in der ehemaligen Sowjetunion über mehrere Generationen gang und gäbe war, ist es sehr schwierig, empirisch festzustellen, wie viele Juden es im Sinne der Halacha gibt. Demografen kommen zu ihren Ergebnissen auf der Basis des statistischen Materials, das ihnen zur Verfügung steht. In erster Linie sind das Volkszählungsergebnisse, Bevölkerungsstatistiken und Migrationsstatistiken.« Tolts schätzt, dass von den 1,5 Millionen Menschen, die in der Volkszählung von 2002 ihre Nationalität nicht angaben, mindestens 20.000 Juden waren.

Um die Sachen noch komplizierter zu machen, gibt es viele Russen jüdischer Herkunft, die getauft sind, sich selbst aber immer noch als Juden bezeichnen, wenn sie nach ihrer ethnischen Zugehörigkeit gefragt werden.

Telefonbücher »Das Hauptdilemma ist, wer als Jude bezeichnet werden sollte«, sagte Mark Levin, Leiter der NCSJ. Flower, der Alija-Direktor bei der International Christian Embassy, nennt die Zählung von Juden in Russland »eine der vertracktesten Fragen, mit der wir derzeit konfrontiert sind«. Seine Organisation übersandte der Jewish Agency for Israel vor Kurzem eine Liste mit 1,2 Millionen russisch klingenden Namen von Menschen in Russland. Alle stammen aus Online- oder gedruckten Telefonbüchern.

Eine ähnliche Liste mit 30.000 Namen von Einwohnern der Stadt Sankt Petersburg wurde im Jahr 2004 in Augenschein genommen. Die Jewish Agency wählte 10.000 Namen aus, die ihr jüdisch vorkamen, und rief die Leute an. Mehr als 2.000 hätten sich daran interessiert gezeigt, entweder nach Israel auszuwandern oder an Veranstaltungen der jüdischen Gemeinde teilzunehmen, sagt Flower. Neben den halachischen und ethnischen Standards habe diese Methode eine neue Art, Juden zu zählen, ins Spiel gebracht: »die phonetische«.



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