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Russland

Die große Unbekannte

Wie viele Juden leben in Putins Imperium? Schätzungen gehen weit auseinander

11.03.2010 – von Anna RudnitskayaAnna Rudnitskaya

Es ist leichter, Bodenschätze zu orten, als die Zahl der Juden 
im Land zu ermitteln.

Es ist leichter, Bodenschätze zu orten, als die Zahl der Juden
im Land zu ermitteln.

© corbis

Howard Flower und seine Helfer planen für dieses Frühjahr eine Reise in die westlichste Region Russlands, nach Kaliningrad. Sie wollen dort nach Juden fischen. Flower ist beim russischen Büro der International Christian Embassy, einer proisraelischen evangelikalen Gruppierung, für Alija zuständig. Er will das Telefonbuch nach jüdisch klingenden Namen durchforsten und sich mit jüdischen Vertretern vor Ort treffen, um weit verstreut lebende Juden aufzuspüren. Einige, glaubt Flower, wüssten vielleicht noch nicht, dass sie jüdisch sind. Mit ihnen will er über die Auswanderung nach Israel reden.

volkszählung Wie überall auf der Welt ist es auch in Russland eher eine Kunst als eine Wissenschaft festzustellen, wer jüdisch ist. Bei der letzten russischen Volkszählung 2002 bezeichneten sich 233.000 Einwohner als Juden. Führende jüdische Vertreter, sowohl in Russland als auch im Ausland, glauben, dass diese Zahl zu niedrig ist. Doch in der Frage, wie viele es tatsächlich sind und wie sich das feststellen lässt, herrscht Uneinigkeit.

»Jeder, der bei einer jüdischen Organisation arbeitet, weiß, dass die tatsächliche Anzahl der Juden höher ist, als aus den Unterlagen hervorgeht, weil viele Menschen keine Dienstleistungen in Anspruch nehmen und deshalb nirgendwo registriert sind«, erläutert Rabbi Yosef Hersonski, Leiter der Gemeinde im Moskauer Viertel Chamowniki. »Wahrscheinlich ist es ihnen egal. Doch wenn die Mutter jüdisch war, sehen wir sie als Juden.«

Einer der Oberrabbiner Russlands, Berel Lazar, schätzt die Zahl der Juden in Russland auf ein bis zwei Millionen. Die National Conference on Soviet Jewry (NCSJ), eine amerikanische Interessengruppe für russischsprachige Juden, schätzt, dass in Russland 400.000 bis 700.000 und in der ehemaligen Sowjetunion ein bis anderthalb Millionen Juden leben.

Eine Vertreterin des American Jewish Joint Distribution Committee (JDC), der größten in Russland tätigen jüdischen Organisation, lehnt es ab, über Zahlen zu spekulieren. »Zuverlässige, mit soliden Methoden erhobene Daten über die Anzahl der in Russland lebenden Juden stehen uns nicht zur Verfügung«, sagt Rina Edelshtein.

Halacha Rund 100.000 Juden werden bei den örtlichen jüdischen Gemeinden als Mitglieder geführt. Doch um sich registrieren zu lassen, muss man beweisen, dass man jüdisch ist. Das ist oft nicht einfach. Amtliche Unterlagen sind höchst unzuverlässig. In der Sowjetzeit wurde die ethnische Zugehörigkeit in die Ausweise von Erwachsenen eingetragen. Alle, die zwei jüdische Elternteile hatten, wurden als jüdisch registriert. Kinder mit nur einem jüdischen Elternteil konnten die ethnische Zugehörigkeit des Vaters oder der Mutter wählen. Da Juden in der Sowjetunion vielfach diskriminiert wurden, ließen sich Kinder aus solchen Familien in den meisten Fällen nicht als jüdisch registrieren.

Ein Witz, der in der Zeit, als die sowjetischen Juden für ihre Ausreise nach Israel kämpften, gern erzählt wurde, bringt die Situation auf den Punkt: »Wie viele Juden gibt es in der UdSSR?«, fragt Sowjetführer Leonid Breschnew den KGB-Chef. »Zweieinhalb Millionen«, antwortet der, »aber wenn wir sie auswandern lassen, sind es sechs Millionen.«

Als der Eiserne Vorhang fiel und die sowjetischen Juden das Recht auf Ausreise erhielten, gab es in der Sowjetunion 1,8 Millionen Juden. Laut Volkszählung von 1989 lebten 570.000 von ihnen in Russland. Die meisten haben das Land inzwischen verlassen und sind nach Israel, Deutschland oder in die USA ausgewandert.


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