Organhandel

»Humanität ist unteilbar«

David Matas über NS-Verbrechen, Menschenrechte und Organhandel in China

11.03.2010 – von Sabine PamperrienSabine Pamperrien


Herr Matas, Sie arbeiten seit vielen Jahren als Anwalt für Flüchtlinge. Wie ist es dazu gekommen?
Ich war als junger Mann bei einer Kanzlei tätig und bekam all die Mandate zugeschoben, die kein anderer übernehmen wollte. Niemand hatte Lust, sich mit Flüchtlingsfragen zu beschäftigen.

Hat Ihr familiärer Hintergrund die Berufswahl beeinflusst?
Ich bin zwar jüdisch, aber ich habe keine Angehörigen im Holocaust verloren. Meine Großeltern kamen, wie die ganze Familie, vor dem Ersten Weltkrieg nach Kanada.

Die Verbrechen der Nazis waren also nicht für Ihre Berufswahl ausschlaggebend?
Doch! Natürlich! Und zwar in dem Sinne, dass ein Großteil meiner Arbeit der Versuch ist, Lehren aus dem Holocaust zu ziehen und dementsprechend zu handeln. Eine Verpflichtung lautet: gegen alle Menschenrechtsverletzungen zu protestieren. Der Holocaust hat uns gelehrt, dass Humanität unteilbar ist.

Sie haben viele Bücher über NS-Kriegsverbrecher in Kanada geschrieben.
Ja, und ich bin nach wie vor damit beschäftigt, Nazi-Kriegsverbrecher vor Gericht zu bringen.

Derzeit beschäftigen Sie sich hauptsächlich mit dem illegalen Organhandel in China. Ein weltweites Problem. Was macht China zu etwas Besonderem?
In China ist der Staat Komplize des illegalen Handels. Dort wird der Verkauf von Organen zudem genutzt, um eine Minderheit zu unterdrücken, die als Bedrohung für das herrschende System gesehen wird: Falun Gong. Den Anhängern werden bei lebendigem Leib gezielt Organe wie Herz und Leber entnommen. Das kann niemand überleben. Also wird ihr Tod bewusst in Kauf genommen.

Ihr Bericht über chinesischen Organhandel, den Sie kürzlich bei der EU vorgestellt haben, klingt für viele ungeheuerlich.
Es ist immer die Frage, inwieweit die Möglichkeit besteht, sich eine eigene Meinung zu bilden.

Sieht der Westen weg, wenn es um Menschenrechtsverletzungen in China geht?
Das hat mit den Strukturen zu tun. Die Verbrechen in Darfur konnten vor den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag gebracht werden, weil keiner der fünf Staaten im Weltsicherheitsrat sein Veto einlegte. Im Fall von Falun Gong würde China sofort Nein rufen. Ich glaube nicht, dass der Westen hier wegsieht, ihm sind die Hände gebunden.

Hängt es vielleicht auch damit zusammen, dass die Wertschätzung der Menschenrechte abnimmt?
Ich würde sagen, es geht hier um eine Perversion des Begriffs Menschenrecht. Die einzige Regierung, die die Achtung der Menschenrechte komplett ablehnt, ist die irani- sche. China dagegen akzeptiert das gängige Vokabular und die Institutionen. Aber Peking setzt alles daran, Fakten zu verdrehen und zu entstellen.

Sie haben auch ein Buch über Antizionismus und Antisemitismus geschrieben und darin erläutert, warum Ihrer Meinung nach die Palästinenser kein Rückkehrrecht nach Israel haben. Wie passt das zu Ihrem Engagement als Flüchtlingsanwalt?
Man kann kein Rückkehrrecht der Palästinenser konstatieren ohne ein Rückkehrrecht für alle Menschen. Offenkundig gibt es ein solches nicht. Meine Urgroßeltern kamen aus Litauen, der Ukraine und Rumänien. Ich habe weder ein Recht, in diese Länder zurückzukehren, noch sollte ich ein solches haben. Die Vorstellung, dass jeder einen Anspruch darauf hat, dorthin zurückzukehren, wo die Vorfahren einst lebten, ist Unsinn.

Mit dem Anwalt für Menschenrechte und Justiziar von B’nai Brith Kanada sprach Sabine Pamperrien.


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